Verrassende verhalen, gedichten en andere teksten vanuit een gay perspectief


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Verrassende verhalen, gedichten en andere teksten vanuit een gay perspectief

Duits | Eigentlich ...

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Bericht Re: Duits | Eigentlich ... door Redactie » woensdag 19 augustus 2015 14:45

19.


Jetzt stehe ich hier – Mittwochabend – vor einem kleinen Restaurant mit italienischer Küche am Rande der Innenstadt. Friere mir auf gut deutsch den Arsch ab und warte. Mein Mantel ist nicht für Minusgrade geschaffen. Schwarz ist der. Genau wie Hugo Boss, mein Schal und meine Schuhe, die nervös auf dem sandig ausgelegten Gehweg schaben. Ich bin eine halbe Stunde zu früh, es ist erst halb sieben, und inhaliere gerade die vierte Kippe. Ärgere mich, dass mein Päckchen gleich leer ist und ich meine Wartezeit nach dieser letzten Nikotinschleuder anderweitig ausfüllen muss. Ich bin so nervös, wie damals mit sechzehn, als ich mein erstes Mädchen offiziell ausgeführt hab. Irgendwie hab ich das Gefühl, dass jeder mich anstarrt und ganz genau weiß, warum ich überhaupt hier warte.

Dienstagnacht war deprimierend. Der Dienstag selbst war voll für’n Arsch. Ich hab meine Arbeit gemacht, den außergerichtlichen Vergleich in einem Arbeitsvertragsstreit sogar für meinen Mandanten echt sonnig enden lassen, obwohl er’s eigentlich nicht mal ansatzweise verdient hat, und mich in der Kanzlei bewegt, als könnte ich mich unsichtbar machen.

Und Uli? Der hat durch mich durchgeschaut und wenn er mich dann tatsächlich mal anschauen musste, weil er wirklich was rein Arbeitstechnisches mit mir besprechen wollte, wurde sein Blick jedes Mal ein bisschen merkwürdig. Die Riesenszene, die er mir montags angekündigt hatte, die muss ihm wohl in der Nacht entfallen sein. Vielleicht hat er aber auch einfach ein bisschen mit seiner besseren Hälfte gespielt und war somit versöhnlicher drauf. Ich weiß es nicht und es ist mir wirklich scheißegal. Vielleicht weiß er ja aber auch, dass er übers Ziel hinausgeschossen ist. Vielleicht war ihm auch gerade noch auf die Schnelle eingefallen, dass ich auch Arbeitsrechtler bin und er mir schon ziemlich geschickt von hinten ans Bein pinkeln muss, wenn er mir hier den Arbeitsplatz und die Partnerschaft streitig machen will. Vielleicht ist ihm noch eingefallen, dass mit meinem wohlwollenden Schweigen zu seinen beschissenen Fickrunden seine Ehe steht oder fällt. Wo mir da auch gleich mal so eine echt grandiose Idee gekommen war. Eine, die ich vermutlich nicht umsetzen werde. Ähnlich wie die drei Nummern der Therapeuten, die ich nicht mal durchgewählt hatte.

Die Nacht von Dienstag auf Mittwoch war noch mal einen Tick beschissener. Ich hab wach gelegen – Stunde um Stunde – und, ja, ich geb’s zu, wie ein Mädchen darauf gewartet, dass Chris sich auf meine ‘Gute Nacht, Chris. Lieb dich!’ Kurznachricht meldet. Hatte er nicht. Damit habe ich noch ein bisschen mehr an Boden verloren.

Der Abstand tut genauso gut, wie er mich auch stückweise zermürbt. Heute Nachmittag hat er dann endlich angerufen. Angerufen! Keine WhatsApp-Nachricht geschickt. Er hat meine Nummer gewählt und war … richtig leise. So deprimierend leise, dass ich am liebsten auf der Stelle losgefahren wäre, um ihn mir anzuschauen, ihn zu umarmen und ihm zu sagen, dass ich so gerne für ihn da sein würde. Es zerreißt mir das Herz.

„Cameron?“, hatte er angefangen. Klar! Wer soll denn sonst an mein Handy rangehen, wenn nicht ich?

„Hm?“, brummelte ich zurück, immer noch leicht traurig drüber, dass er sich am Vorabend nicht zurückgemeldet hatte und die letzte Akte des Tages wurde von mir zugeschlagen. Gerichtstermin, eine Erstberatung und ein weiterer Mandantentermin lagen schon hinter mir. Mittwoche sind immer lange Tage. Immer! Ausnahmslos!

Uli hatte mich heute auch wieder in Ruhe gelassen. Kein Wort mehr über den Vorfall am Montag. Das erinnerte mich ein bisschen an Kati. Sie hat ja auch die Ruhe vor dem Sturm gemimt, bevor sie unseren Haushalt einfach alleine aufgeteilt hatte, ohne mich mit irgendeiner Frage zu meinen persönlichen Dingen, die da in eine Tasche passten, zu belästigen.

Aber … soll Uli mal machen. Mit so was kenne ich mich ja jetzt aus. Gut geht’s mir immer noch nicht aber ich hab’s irgendwie geschafft, auch diesen Tag mit relativ gestrafften Schultern zu überstehen. Hab’s also tatsächlich zwei Tage geschafft, mir nicht allzu viel anmerken zu lassen. Meine Kollegen haben mich auch nicht mehr so geduckt von der Seite betrachtet, wie die Woche zuvor. Blöde Sache so was. Diese Beziehungsdinger machen mich fertig. Ständig eigentlich!

„Hast du heute schon was vor?“, hatte er dann gefragt.

„Ich … nein. Noch nicht.“ Mein Puls war in die Höhe geschossen. Ich konnte mir ein vorfreudiges Grinsen nicht wirklich verkneifen.

„Möchtest du vorbeikommen?“

„Ich …“ Uhm … JA, hätte ich am liebsten in den Hörer gebrüllt. Aber eigentlich … doch eher nein. Mir ging’s nicht gut. Ich hätte es ihm sagen sollen. Offene Karten sind doch wichtig bei seinem dämlichen Spiel. Trotzdem hatte ich verdammte Sehnsucht nach ihm. „Ich bin noch in der Kanzlei.“

„Oh … es ist spät.“

„Mittwoch halt. Das wird zu knapp, bis du … na ja … bis du los musst.“

„Ich muss heute erst um elf zur Schicht!“

„Ach …“ Und? Jetzt ficken wir nicht nur nach Terminkalender, sondern auch noch nach Uhrzeit, oder was, wollte ich ihn anschnauzen und hatte es dann doch gelassen. Denn mir war die nächste grandios dämliche Idee gekommen. Mein vertrackt denkendes Hirn arbeitete gerade in diesen Abendstunden immer mal gerne auf Hochtouren. Letzte geistige Energiereserve, sagt Marie-Claire immer dazu. Auch wenn der Körper eigentlich schon in den eigenen vier Wänden auf der Couch liegt und selig schlummernd das Feierabendbier einverleibt. Aber die Idee war leider wieder so ein gestricktes Ding gewesen, das ich dann einfach mal ohne weitere Gedanken in den Hörer geschnaubt hatte.

„Es war ein langer Tag, Chris. Ich hab Hunger und ich bin müde. Wie wär’s, wenn wir gemeinsam essen gehen?“

„Essen gehen?“, hatte er geechot und ich konnte die Fragezeichen auf seiner Stirn glatt durchs Telefon sehen.

Ich sag’s ja. Es war eine dumme Idee! Und doch konnte ich den Mund nicht halten und hab weiter gebohrt. „Ja, essen gehen!“, bin ich ein wenig lauter geworden. „Deine Spielregel, Chris, lautete Dann-und-Wann und locker muss es sein. Keine Verpflichtungen, keine Versprechungen. Das heißt nicht, dass wir uns bei deinen Dann-und-Wann-Treffen zum Ficken verabreden müssen, richtig? Ich möchte auch eine Regel aufstellen, okay? Ich möchte gerne Zeit mit dir verbringen. Ich möchte dich gerne kennenlernen. Wie du im Bett bist, das weiß ich jetzt und ich glaub nicht, dass es dir generell an Sex fehlt, dazu brauchst du mich nicht, oder? Du solltest froh sein, wenn du dir zwischen all deinen Kunden mal eine Pause gönnen kannst.“

Woah … und in diesem Moment dachte ich, meine Kiefer fliegen gleich raus, so fest hatte ich die nach diesem grandios dämlichen Satz zusammengepresst.

„Weißt du was, Cameron?“, hatte er ganz leise geantwortet. Viel zu leise. Das ist immer gefährlich. „Du hast absolut keine Ahnung und willst es einfach nicht verstehen. Vergiss es, okay? Du hast Recht! An schnellem, unverbindlichem, manchmal auch ausdauerndem Sex fehlt es mir definitiv nicht. Schade, ich wäre gerne mit dir essen gegangen! Aber das, was du eben rausgehauen hast, war definitiv unter der Gürtellinie.“

Die Verbindung wurde unterbrochen. Aufgelegt! Einfach so! Eine Eiseskälte hatte sich in mir breitgemacht. Mich gelähmt und mir das Atmen erschwert. Zusätzlich war da eine leise Angst in mir hochgekrochen, dass ich es verbockt hatte. Auf der ganzen, verdammten Linie. Hatte ich auch, da brauchte ich keine Bestätigung für. Verliebtsein ist ein wirklich beschissenes Gefühl. Vor allem, wenn es einem den Boden unter den Füßen nach einem eigentlich erfolgreichen Tag einfach wegzieht.

Marie-Claire kam rein, hat mich angesehen und gefiept wie eine Maus, die in die Falle getappt war, als sie mir auch nur einen winzigen Blick zugeworfen hatte. „Cameron? Was ist denn mit dir passiert?“

„Ich hab’s versaut“, hatte ich lahm erwidert und meine Hände verzweifelt in meinem Schopf vergraben. „Er will mich nicht mehr sehen!“

„Also doch Liebeskummer? Mensch, Cameron. Wieso sagst du nichts? Hm? Wir reden jetzt mal, ja? Du solltest dir wirklich mal alles von der Seele quatschen.“ Sie hatte sich rumgedreht, meine Tür von innen verriegelt und mir so lange Zeit gegeben, bis ich mich wieder etwas entspannt und ihr dann auf ihre tausend Aufforderungen hin doch noch mein Leid geklagt hatte. Ohne Details natürlich. Ich bin mir nicht sicher, ob sie unbedingt Kopfkino braucht, wie sich zwei Männer … na ja … Micky wird’s mir jedenfalls danken. Hat er meinen Kummer diesmal nicht abbekommen. Dafür ein Mädchen. Ich glaub, sie wusste, wie schwer es mir gefallen war.

„Du hast ihn verletzt, Cameron. Wenn auch unabsichtlich. Sag ihm, dass es dir leidtut und sag ihm, wie wichtig dir das Treffen mit ihm ist. Ach, Mensch. Ich habe die ganze Zeit geahnt, dass das bei dir nur eine Herzenssache sein kann. So durch den Wind habe ich dich nicht mal nach der Trennung von Kati erlebt. Und ich muss den Mann unbedingt kennen lernen, hörst du? Wer es schafft, dein Herz so zu erobern …“

Bisschen verträumt hatte sie vor sich hin gegrinst und mir dann einen Kuss auf die Wange gedrückt, ohne den Satz zu vollenden. Wenn sie gewusst hätte, wer der Mann ist, hätte es den verträumten Ausdruck in ihren Augen vermutlich nicht gegeben.

„Viel Erfolg, Cameron! Ich kann mir nicht vorstellen, dass es auf diesem Planeten jemanden gibt, der deinem Charme auf Dauer widerstehen kann.“

Alter Schwede! Chris hat vermutlich keine Ahnung, was Charme überhaupt bedeutet. Für den brauche ich ganz andere Qualitäten. Hatte ihm anschließend eine Kurznachricht geschickt. Wollte ihm die Möglichkeit geben, darüber nachzudenken und ihm die Wahl lassen.

Geantwortet hat er nicht. Wenigstens weiß er jetzt, dass ich hier in der Kälte und dem beginnenden Schneefall stehe und auf ihn warte. Ich brauche kein verdammtes Wunder. Ich brauche eigentlich gar nichts. Nur Chris. Und jetzt? Jetzt warte ich halt noch ein bisschen länger auf ihn. Meine Kippen sind alle und wenn ich mir den Laden schräg gegenüber betrachte … Nein, zu riskant. Ich bleibe hier stehen, bis ich festgewachsen bin. Dann hab ich wenigstens die Gewissheit, ihn nicht zu verpassen.

Mittlerweile ist es viertel nach sieben. Festgewachsen bin ich nicht, aber ich merke, wie meine Laune auf den Tiefpunkt sackt. Ist ja sowieso nicht die Beste. Ich hätte jetzt gerne eine Kippe. Hätte doch noch mal heimfahren sollen, mir was Wärmeres anziehen sollen. Stattdessen hab ich bis achtzehn Uhr durchgearbeitet und bin erst nach Uli aus der Kanzlei rausgegangen. Jetzt, im Bürooutfit, bin ich allerdings langsam am Erfrieren. So ein Grog wäre jetzt was Feines, oder was anderes Hochprozentiges und … eine Kippe. Die fehlt mir. Hab eben zum dritten Mal in das leere Päckchen gestarrt, weil’s hier nicht mal einen Mülleimer in der Nähe gibt, wo ich es entsorgen könnte. Der Tabakladen auf der anderen Seite hat vor einer viertel Stunde geschlossen. Ich schaue noch mal auf die Uhr. Eine Minute später als … vor einer Minute. Immer wieder schaue ich mich um und komme mir langsam klassisch verlassen vor.

Verdammt, Chris! Wir hatten einen schlechten Start. Ich weiß das. Einen ganz beschissenen Start und … es tut mir leid. Es tut mir so richtig leid. Wir sind beide Offensivspieler. Auch das weiß ich! Aber jeder auf seine Art und Weise. Während ich gerne ausspreche, was mich nervt, lachst du der Welt ins Gesicht und denkst dir deinen Teil. Nur bei mir nicht! Bei mir schleuderst du alles verbal von dir, um mich echt hart zu treffen. Ich will dich. Siehst du das denn nicht? Und … ich will dich für mich alleine. Bekomme dich einfach nicht, weil du jedes Mal, wenn was Neues auf dem Spielplan steht, erst mal um dich schlägst.

Eine Berührung an meinem Hinterkopf lässt mich wie elektrisiert zusammenfahren. Es folgen Lippen, die sich hinter dem hochgeklappten Kragen meines Mantels entlangarbeiten und mir einen festen Kuss in den Nacken verpassen. Eine Nase, die sich in mein Haar gräbt und eine Stimme, die mir verdammt leise „Guten Abend, Panther!“ wünscht.

Ich möchte mich gerne auf der Stelle an ihn lehnen. Diese angestaute Angst und diesen Frust einfach mal rauslassen. Langsam drehe ich meinen Kopf und werde von seinen Lippen empfangen. Warm und kein bisschen winterkalt legen sie sich auf meine. Sorgen dafür, dass sich die Wärme gleich mal ein Stück weit auf mich überträgt.

„Dir ist kalt“, stellt er mit leicht belegter Stimme fest und weg sind sie, die Lippen. Ich will noch einen Kuss. Und noch einen! Doch Chris hat die Hände in den Taschen seines Kurzmantels vergraben und weicht nach hinten aus. Seine Augen funkeln, drücken aber auch gleichzeitig eine unergründliche Stimmung aus.

Vermutlich ist es jetzt an mir, irgendetwas zu sagen. „Es tut mir leid, Chris. So war es nicht gemeint.“

Er nickt. Langsam und nachdenklich. Umrahmt dann meine Wangen und gibt mir endlich das, auf was ich gewartet hab. Was ich brauche. Was er braucht. Denn ich glaub ja, dass in so einem zuckrigen Kuss nicht nur Geben stecken kann, sondern auch ein ganzes Stück Eigennützigkeit. „Gerade heute wäre ich unendlich froh darüber gewesen, dich in meinem Bett zu haben, Cameron.“

„Nur heute?“

„Heute, ja“, antwortet er, ohne es näher zu kommentieren, geschweige denn auf den Unterton meiner Frage einzugehen. Das trifft mich jetzt schon! Aber ich schlucke eine Bemerkung hinunter, bevor sie wieder unangemessen daherkommt. „Lass uns reingehen, du bist schon durchgefroren. Tut mir leid, dass ich es nicht pünktlich geschafft habe, aber ich habe mich noch für den Club fertiggemacht, das spart mir hintenraus Zeit. Ich gehe davon aus, dass es auch in deinem Interesse ist.“

Neugierig schaue ich an ihm runter und muss zugeben, dass er in den schwarzen, engen Jeans, den Lederhalbschuhen und seinem Kurzmantel verdammt heiß aussieht. Aber er sieht immer so aus. Daher lasse ich es mir nicht nehmen, seinen Mantel noch an Ort und Stelle aufzuknöpfen und einen Blick auf sein Outfit darunter zu werfen. Seinen leckeren Oberkörper ziert ein … na ja … Stück Stoff. Ein verdammt dünner, schwarzer Stoff. Und so hauteng, dass jede noch so kleinste Muskelerhebung wie aufgemalt aussieht. Und wenn ich jetzt raten müsste, würde ich behaupten, es hat maximal T-Shirt-Ärmellänge. Der Bund dieses schwarzen Fetzens endet ziemlich knapp über der Gürtelschnalle und lässt ein wenig Haut durchblitzen.

Alleine bei Chris’ Anblick friere ich mal eine Runde für ihn mit. Streiche ihm dennoch mit flacher Hand über die Brust und die Kälte kommt bei ihm an. Seine Brustwarzen drücken sich durch, klein und hart, und Chris zuckt zusammen, als ich mehr als unsanft erneut darüber reibe, einfach, weil ich ihn spüren will und seine Reaktionen so sehr liebe.

„Willst du mich ausziehen?“, fragt er zischend und legt seine Hand auf meine, um sie zu stoppen.

„Nein. Diese Peinlichkeit erspare ich dir. Wollte nur gerne als Erster sehen, was du mit Cluboutfit meinst.“

Spöttisch biegen sich seine Mundwinkel nach unten, bevor er meine Hand nimmt und mich reinzieht ins Restaurant. „Glaubst du wirklich, mein Schamgefühl ist so ausgeprägt, dass ich mich nicht auf offener Straße ausziehen würde?“

Er lacht leise und rau, drückt meine Hand und sieht sich kurz um. Zieht uns dann in eine Nische, die den Namen kaum verdient hat, denn mit Privatsphäre ist’s hier nicht weit her, und die Situation als solche ist schon krass … heiß. Wo Chris sich völlig zwanglos bewegt, schaffe ich es kaum, Luft zu holen und mir nicht aller Blicke bewusst zu werden, die es überhaupt nur um uns herum gibt. Vor mir zieht er seinen Mantel aus und wartet, bis ich mich mit dem Gipsarm auch aus meinem gepellt hab, um beide zur Garderobe zu bringen.

Hm, Chris, du siehst gut aus, du … Das unüberhörbare Flüstern von mehreren Tischen lässt mich ein bisschen wütend werden. Was ist? Was? Redet halt laut. Vollidioten, ehrlich wahr! Chris braucht gar nicht erst zu behaupten, dass er die Blicke, die auf ihn gerichtet sind, nicht spürt. Schöner Mann! Meiner!

Als er wieder ankommt, schiebt er sich neben mich auf die Bank, grinst mich an und legt seine Hand auf den Gips. „Was hast du eigentlich mit deinem Arm gemacht?“

Bisschen spät die Frage, was?

Ich schnaube und schüttle leicht den Kopf. „Das war eine Begegnung mit den Steinfliesen meiner Dusche! Stört es dich nicht, wenn man dich so anstarrt?“

„Machst du gerne, was?“

„Was?“

„Deine Kraft an Gegenständen auslassen, die nichts für deine Wut können.“

„Wie meinst du das?“, frage ich irritiert hinterher.

„Du hattest damals schon aufgeschürfte Fingerknöchel. Sah mir ganz nach Wand-war-widerstandsfähiger-als-Hand aus.“

„Das weißt du noch?“ Jetzt bin ich überrascht. Ich hab das schon lange verdrängt.

Chris schaut mich an, mit diesem wunderbar, funkelnden Grün, und scheint ganz tief in mich zu blicken. So tief, dass es fast schon unangenehm für mich wird. Eine elendige Hitze steigt mir in die Wangen und ich … kenne den Blick.

„Ich habe alles von dir ziemlich genau in Erinnerung, ja. Jede Begegnung ist da oben gespeichert.“ Er deutet auf seinen Kopf und rückt ein Stückchen näher zu mir. „Und deine andere Frage … Es ist mir bewusst, dass man mich des Öfteren anschaut, aber es interessiert mich nicht. Ich empfinde nichts dabei, Cameron. Kein Gefühl! Weder ein positives noch ein negatives. Die Menschen reden über mich, aber auch das ist mir gleich. Ich bin schwul, seit ich mit dem Wort Sex überhaupt was anfangen kann. Diesen Kampf hatte ich damals, als ich es für mich herausgefunden habe, jetzt nicht mehr. Schon lange nicht mehr!“ Er sieht mich an, streicht mir mit einem Knöchel sanft über die Wange, bevor sich seine Hand wieder senkt. „Jobbedingt muss es mir einfach egal sein. Jede Berührung, jeder Blick, jedes Tuscheln. Ich könnte nicht mit dir hier sitzen, wenn ich das alles an mich lassen würde.“

Ich blinzele und hänge mit den Augen an seinem Mund. Ich weiß es doch! Er hat es mir doch schon mal gesagt, ich… Er drückt mir eine Karte in die Hand, während er von der Bedienung eine zweite gereicht bekommt.

„Darf ich Ihnen schon was zu Trinken bringen?“

„Ein Pinot Grigio und ein Wasser für mich!“, kommt von mir im gleichen Moment, wie das „Zwei Pils für uns, bitte!“ von Chris.

Mein Blick wird düsterer, aber ich verkneife mir einen dummen Spruch, wende mich stattdessen erneut an die Bedienung. „Ein Bier und den Wein mit einem zusätzlichen Wasser bitte!“, korrigiere ich und die Kellnerin wird … tiefrot. Sieht zwischen mir und Chris hin und her und scheint sich ernsthaft zu fragen, ob wir vielleicht schwul sind.

Sieht man’s nicht? Also alleine Chris dünnes Ding da an seinem Leib schreit ihr ja schon geradezu die Antwort entgegen. Und als wäre die Auflösung ihres Rätsels noch völlig unklar, lehnt Chris sich zurück und legt seine Hand provozierend auf meinem Schenkel ab. Mitten im Blickfeld des verdammt jungen Häschens. Streichelt meinen Schenkel bis zum Knie entlang und hat verflucht noch mal keine Ahnung, was er damit in mir auslöst.

Ich unterdrücke ein wohliges Seufzen und stoppe die Hand. Das Häschen blickt peinlich berührt zu Boden und flüchtet. Ziemlich rasant, wie ich finde. Also beißen tun wir ja auch nicht. Schnell suche ich nach einem anderen Thema, um diese komische Situation herunterzuspielen. „Das hast du ernst gemeint, was? Das, was du draußen gesagt hast.“

„Was habe ich denn gesagt?“, fragt er nach und krault mit den Fingerspitzen einfach weiter über mein Knie.

„Dass du mich heute gerne in trauterer Runde gesehen hättest.“

Chris zwinkert mir zu, lacht auf und kramt seine Zigaretten aus der Jeanstasche heraus, um sie vor sich auf dem Tisch zu platzieren. Gleiches macht er mit seinem Handy, bevor er mich wieder ansieht und seine Fröhlichkeit einer leichten Wehmut weicht. „Ich habe nachher meine alljährliche Frauenrunde! Also ja, ein bisschen männlicher Zuspruch hätte mir sicher gutgetan.“

Woah … Da fällt mir wohl alles aus dem Gesicht. „Frauenrunde?“ Ich glaub’s ja nicht.

Chris grinst vor sich hin. Der flunkert doch und ich falle vermutlich voll drauf rein. „Einmal im Jahr habe ich das Vergnügen, ja. Mehr Nachfrage ist nicht da. Aber einmal in der Winterzeit werde ich von sechs Frauen gebucht. Sie wissen, dass ich schwul bin und scheinen einen ganz besonderen Narren an mir gefressen zu haben.“

„Du befriedigst ernsthaft Frauen?“ Meine Augen verengen sich, mein Muskel stolpert und meine Stimme vibriert und ich glaub’ … ich war eben ein wenig zu laut. Drei Tische weiter schüttelt der Familienvater erbost den Kopf und herrscht seine Tochter an, die scheinbar ziemlich interessiert unserem Gespräch folgt.

„Nein, Panther. So weit kommt es nicht. Die Damen sind zwar im angetrunkenen Zustand ziemlich hemmungslos, aber das fordern sie dann doch nicht von mir. Da ist die Hemmschwelle zu groß. Ein bisschen anfassen, ein bisschen hier und da … Manchmal auch ein klein wenig mehr. Aber das war’s im Großen und Ganzen. Sie genießen die Show und benehmen sich vermutlich genau so, wie es ihre Männer zu Hause nicht mal im Traum vermuten würden.“ Chris grinst mich an und seine Fingerspitzen landen erneut auf meinem Knie, gleiten aufreizend von dort meinen Innenschenkel entlang. Hrm … „Ich werde es überstehen. Wie jedes Jahr. Thomas besteht darauf, dass wir die Buchung annehmen und er besteht darauf, dass ich es mache, weil die Damen extra nach mir fragen.“

„Wieso?“ Oar … „Habt ihr keine Angestellten, die …“

„Nein. Unser Club ist eine reine Männerdomäne. Frauen zieht es dort nicht hin. Meine Jungs und Mädels im Black Stage sind nur für Männer zuständig. Hast du dort schon mal einen weiblichen Gast gesehen?“

Ich … weiß nicht. Vermutlich nicht! Was nicht heißt, dass Mädchen die Unschuld vom Lande sind. Aber Chris und Frauen? Wow! Ich … mag gar nicht darüber nachdenken. Eigentlich … finde ich es auch alles andere als prickelnd. Mir wird da gleich ganz anders und ich ziehe mich zurück. Ein kleines Stück nur, aber Chris merkt es sofort.

„Tut mir leid, Panther. Ich hätte es nicht erzählen sollen. Das ist der Grund, weshalb ich nicht mit dir über meinen Job reden möchte. Vergiss es einfach ganz schnell wieder, ja?“

„Schon gut“, murmle ich und vertiefe mich dann doch mal lieber in die Speisekarte vor mir. Appetit hab ich keinen mehr.

Nach unseren aufgegebenen Essenswünschen will zwischen uns auch kein wirkliches Gespräch mehr aufkommen. Unsere Bestellung kommt nach einer reichlichen halben Stunde und wir essen schweigend. Jeder hängt seinen eigenen Gedanken nach. Dabei hab ich noch so viele Fragen. Aber es sieht gerade so aus, als wäre es völlig egal, welche ich stelle, die Antwort wird wie immer ernüchternd sein. Langsam hab ich das Gefühl, dass Chris mir nie was Positives antworten wird, egal, an welchem Strang ich versuche zu ziehen.

Chris ist es letztendlich, der unser Anschweigen unterbricht und das Gespräch wieder sucht. „Erzähl mir was von dir, Cameron.“

Ich blinzele überrascht über diese doch recht direkte Frage, und das ausgerechnet von Chris, und denke noch in dieser Sekunde krampfhaft nach, was ich ihm sagen könnte. Ohne dabei meine Welt auf einen Thron zu heben, von dem ich auf ihn herabschaue.

Was will er hören? Das ich Abitur hab, studiert hab und danach eine echt gute Anstellung bekam? Dass das Haus, in dem ich lebe, ganz alleine von mir bezahlt wurde, weil ich schwer dafür gearbeitet hab, ohne mich dafür zu prostituieren? Dass Micky und Till mir im weitestgehenden Sinn eher abgeraten haben, mich mit ihm einzulassen? Oder vielleicht, dass ich eine Familie hab, die mich immer mit offenen Armen empfängt? Dass ich ein Beziehungsmensch bin, auch wenn meine wilden Jahre echt schräg waren?

Das sind alles Dinge, mit denen er nichts anfangen kann. Alles Dinge, die er niemals an sich ranlassen wird! Dinge, die mir deutlich zeigen, wie grundverschieden wir sind und wir ziemlich krampfhaft versuchen, diese Schlucht zwischen uns ein wenig zu füllen.

„Was möchtest du wissen?“, frage ich ihn daher vorsichtig und wage mich vor, indem ich meine Hand auf seine schiebe, beginne, mit seinen Fingern zu spielen.

„Erzähl mir was von deinen Eltern. Ich möchte etwas über deine Mutter erfahren. Ob sie so ist, wie ich sie mir vorstelle“, antwortet er da auch prompt und hält mich fest, bevor ich wieder einen Rückzieher machen kann.

„Warum?“ Er hat Vorstellungen von meiner Ma? Wow und … wow! Warum? Was soll ich sagen? Was? Dass ich geliebt werde? Dass es Menschen gibt, die mich einfach lieben, nur aus dem Grund heraus, weil es mich gibt?

„Du musst nicht“, wird er leiser und ich merke, wie seine Hand zu zittern beginnt.

„Doch, ich … erzähle dir gerne von meiner Ma.“ Ich schlucke. Fange noch mal von vorne an und setze mich ein bisschen schräg zu ihm hin, sodass ich ihn anschauen kann. Außerhalb der Sichtzone anderer Gäste verschränke ich seine Finger mit meinen und lehne den Gipsarm auf dem Rückenteil der Bank hinter ihm ab.

„Meine Ma ist immer noch typische Amerikanerin, obwohl sie seit knapp vierzig Jahren in Deutschland lebt. Für Süßes mordet sie. Vor allem diese grandios widerlichen, mit zwei Zentimeter Marzipan bedeckten Cakes haben es ihr sprichwörtlich angetan. Diese gibt es jedes Jahr mindestens dreimal bei uns. Zu jedem unserer Geburtstage einmal. Mehr erlaubt der Oberboss, mein Vater, nicht. Drum nutzt sie jede Gelegenheit, mit ihrer Freundin diverse Kaffeehäuser unsicher zu machen.“

Chris’ Blick schweift prüfend über meine Statur, bevor er auf meinem Gesicht, damit an meinen Augen, hängenbleibt und ein deutliches Fragezeichen in seinen zu finden ist.

„Meine Ma ist etwas rundlicher als ich“, bestätige ich ihm nickend und schließe kurz die Augen, als seine Hand sich verselbstständigt und ein paar seiner Finger sich zwischen zwei Knöpfen meines Hemdes durchstehlen und meine Haut darunter zum Summen bringt. Ich vergesse mal kurz das Luftholen und bemerke den Sauerstoffverlust erst, als er seine Hand wieder brav von mir wegnimmt. Mit einem anzüglichen Grinsen auf den Lippen.

„Sprich weiter“, raunt er mir zu und ich … kann nicht. Jetzt ist wohl der Zeitpunkt gekommen, an dem ich wirklich gerne einfach alleine mit ihm sein würde. Mein Blick bleibt auf seinem Mund haften, als ich die Augen wieder öffne.

Ich … will dich! Fuck, ehrlich wahr!

Wäre ich doch bloß zu ihm hingefahren. Ich muss mich kurz sammeln und Chris schmunzelt mich an, zieht eine Augenbraue süffisant hoch.

„Sie hat früher viel Sport mit dem Oberboss gemacht“, lenke ich mich mal ganz schnell ab. „Die letzten Jahre haben meine Eltern es allerdings ein wenig nachlässiger gehalten. Sie werden einfach alt, behaupten sie. Pa hat Ma kennengelernt, als sie hier Urlaub gemacht hat – bei einer Brieffreundin.“

Chris legt den Kopf schief und ein wenig Glanz tritt in seine Augen. „Brieffreundschaft?“

„In der heutigen Zeit des World-Wide-Web kaum zu glauben, nicht wahr? Und die beiden sind, seit Ma hierhergezogen ist, die besten Freundinnen. Ihre allererste Begegnung mit dem Oberboss fand im Schwimmbad statt, als sie dort mit ihrer Freundin damals einen Saunatag machte. Es war Liebe auf den ersten Blick.“

Chris lacht los und diesmal bin ich es, der vor sich hin schmunzelt. Ich weiß, es ist lustig und hat schon oft für einen Lacher gesorgt.

„Da weiß man wenigstens auf beiden Seiten gleich, was einen erwartet, was?“, zwinkert er mir zu, drückt meine Finger und fährt verheißungsvoll meine Seite hinauf und gleitet mit den Kuppen bis zu meiner Achsel, einer extrem empfindlichen Hautpartie, hoch.

„Liebe auf den ersten Blick, hm?“, murmelt er und räuspert sich gleich darauf. „Erzähl weiter.“ Ich unterdrücke gerade noch so ein leises Keuchen. Die Reise mit seinen Fingern nimmt allerdings seinen Lauf. Ich hole weiter aus. Erzähle lange und ausführlich von meinen Eltern, ein bisschen was aus meiner Kindheit und ein paar echt peinliche Anekdoten über Klein-Cam, die mir spontan einfallen. Merke, wie er immer intensiver lauscht und seine Augen mich so derb fixieren, dass ich mich kaum mehr traue, irgendwo anders hinzuschauen.

Lieb dich, Chris! So sehr! Du kannst es dir gar nicht vorstellen.

„Sie haben mir den Patzer mit Kati schnell verziehen. Jetzt warten sie insgeheim darauf, dass ich ihnen irgendwann mal einen … Lebensgefährten vorstelle“, ende ich und bin mir nicht sicher, wie er das Wort Lebensgefährte aufnimmt oder ob er es vielleicht, wie so vieles, einfach geflissentlich überhört.

Chris schweigt. Streichelt mich weiter und ich … hrm… genieße. Er scheint zu überlegen und kaut unbewusst auf der Innenseite seiner Wange herum. „Du hattest eine schöne Kindheit. Jemand, der aufwachsen durfte wie du, kann gar nicht anders als grundehrlich und mit dem Herz am rechten Fleck groß werden, oder? Ist dir dein Outing leicht gefallen?“

Joar, er hat ihn bestimmt nur überhört. Den Lebensgefährten! Und ein bisschen traurig klingt er auch.

„Weiß nicht …“, antworte ich leise. „Es sprudelte aus mir raus, vermutlich einfach situationsbedingt. Zum Glück waren gerade nur Micky und der Oberboss in der Nähe. Von Katis Vater hätte ich wohl ein Brett gefangen. Am Ende ist es gut, wie es ist. Ich hatte nie die Chance es irgendwie mit mir rumzutragen und es Gott und der Welt verheimlichen zu wollen.“

„Deine Eltern haben wirklich keine Probleme damit?“

„Nein. Sie … lieben mich, Chris.“

Da ist es wieder, dieses verfluchte Wort Namens Liebe. Chris presst die Lippen aufeinander und drückt seine Finger in meine Taille.

Ich bin bei dir, okay? Und ich lieb dich! Genau so, wie du bist. Auch, wenn ich unglaublich eifersüchtig auf alle Ulis der Welt bin.

„Was ist mit Katarina? Habt ihr noch Kontakt?“ Chris hat sich gefangen, zum Glück. Aber das Leuchten ist aus seinen Augen verschwunden.

„Selten, das trifft es wohl ganz gut. Sie ist mittlerweile mit Busse, einem meiner damaligen besten Freunde aus der Buddelkiste, verheiratet und hat eine Tochter. So was Kleines, was eben erst laufen gelernt hat.“

Eben, so sieht es jedenfalls aus, kommt echtes Mitgefühl in ihm hoch. Er lässt meine Hand los und streicht mir über die Wange, flüstert dabei. „Bereust du es wirklich nicht? Es hätte dein Kind sein können.“

„Hätte!“, bestätige ich nachdrücklich. „Ist es aber nicht. Ich bedauere keine Sekunde lang, wer ich bin. Für Reue ist da kein Platz! Das Einzige, was ich wirklich bedauere, ist, dass da erst ein Herr Gasser daherkommen musste. Mich so verdammt verwirrt und heiß gemacht hat, bis irgendwas in Schallgeschwindigkeit in mir ankam, was verdammte dreiunddreißig Jahre vor meinen Füßen rumgekrochen ist.“

Chris zischt. Bohrt seine Finger abermals in meine Seite und kaut zeitweilig wieder auf seiner Wange herum. „War es wirklich wegen … mir?“, hakt er leise nach und blickt das erste Mal, seit ich angefangen hab zu erzählen, einfach nach unten.

„Das du da warst, hat mir vermutlich den Anstoß gegeben, Kati nicht zu heiraten und die Verlobung zu brechen. Mit einem Ständer in der Hose, den ich einem Kerl zu verschulden hab, heiratet es sich nicht so gut, weißt du? Das wäre schon heavy gewesen.“

„Ich bin nicht gerne Auslöser von Katastrophen! Auch, wenn ich dich dieser Kati nicht gegönnt habe“, murmelt er betroffen und setzt sich wieder gerade vor den Tisch. Nimmt sein Bier und trinkt es in einem Zug weg.

„Hey, Wolf.“ Ich beuge mich ein Stück weit zu ihm, bis ich mit den Lippen sein Ohr berühren kann. „Du hast es mir leichter gemacht. Wärst du nicht dagewesen, wer weiß, wie lange ich mich hinter dieser Ehe versteckt hätte. Ich war damals schon … irgendwie … ziemlich verrückt nach dir.“

Ich kann und will es mir nicht verkneifen, auch noch einen Kuss auf seine Ohrmuschel zu drücken. Chris lacht leise auf. Auch wenn ich es kaum hören kann, spüre ich sein leichtes Beben. Aber mich anschauen, dass macht er immer noch nicht.

„Der Samstag mit dir im Black Stage bleibt für mich unvergessen“, lasse ich ihn noch wissen. Hoffe, dass ich ihn irgendwie dazu bewegen kann seine Aufmerksamkeit wieder auf mich zu fokussieren.

Chris schüttelt den Kopf und lacht erneut auf. Lauter diesmal. „Für mich auch, Cameron. Ich habe wirklich gedacht, mich tritt ein Pferd, als ich sechshundert Euro vorfand, statt deiner Wenigkeit. Das war definitiv eine Premiere für mich und ein ziemlich derber Schlag für mein Ego.“

Für sein Ego – echot es in mir nach und ich bin reflexartig versucht, seine Hand, die eben auf meinem Schenkel zum Liegen kommt, erneut wegzuschieben. Letztendlich lasse ich sie da, ich mag das ja ganz gerne. Chris bemerkt dennoch die Veränderung an mir und bohrt seine Finger ein wenig fester in mein Fleisch. Besitzergreifend – wäre wohl ein schönes Wort dafür, aber ich darf mir ja auch mal was vormachen.

So schlucke ich meinen aufkommenden Frust runter und lege meine Finger auf seine. „Seit ich dir begegnet bin, gibt es für mich eigentlich … nur noch Premieren.“ Leise bin ich. Weiß nicht mal, ob er das hören will und sein Blick geht noch weiter runter zur Tischplatte.

„Lieb dich, Chris“, füge ich noch hinzu und trinke mein Wasser aus. „Viel mehr, als gut für mich ist.“

Ich winke der Bedienung und ordere die Rechnung. Seinen nachdenklichen Seitenblick bemerke ich und seine zögerliche Nachfrage gibt mir den Rest. „Willst du schon gehen?“

„Es wird Zeit, meinst du nicht?“

Keine Ahnung, warum ich auf einmal so ruhig bin. Vielleicht, weil ich langsam aber sicher davon überzeugt bin, dass nichts, was ich sage, ihn wirklich berühren kann.

Chris schaut auf, mir direkt ins Gesicht, und da liegt eine Sehnsucht in seinem Blick, die mich kurz schwimmen lässt. „Geh noch nicht, bitte! Es ist erst neun!“

„Chris, ich … würde gerne eine rauchen. Brauche Luft und … Lass uns ein bisschen laufen, ja?“

Die Rechnung kommt und Chris’ Ego scheint wieder an die Oberfläche zu dringen. „Ich zahle!“

„Vergiss es. Ich hab dich hierher gelotst. Dann lade ich dich auch ein.“

Mein Standpunkt! Und ich hätte es mit jeder anderen Verabredung genauso gehandhabt. Aber die Mädchen wären jetzt peinlich berührt und Micky würde die Schultern zucken und danke sagen. Nur Chris scheint deswegen ein bisschen angefressen zu sein.

„Du das nächste Mal?“, schiebe ich versöhnlich hinterher, bevor er aufsteht und in Richtung Toiletten verschwindet. Lange schaue ich ihm nach. Immer noch, als die Tür schon scheppernd hinter ihm zugefallen ist und bekomme nicht mal mit, dass ich „Stimmt so!“ sage.

Das „Danke“, das die Bedienung viel zu fröhlich verlauten lässt, macht mir erst bewusst, dass ich wohl einen Hunderter zu ihr rüber gestreckt hab. Dabei will ich doch eigentlich nur eins. Ein bisschen das Gefühl, dass sich Chris nicht nur zum Zeitvertreib mit mir trifft. Ich brumme ihr grimmig zu und stehe auf, als Chris wiederkommt. Laufe vor ihm Richtung Garderobe und bekomme Gänsehaut, als er sich nah an mein Ohr begibt und doch ziemlich laut sagt: „Du siehst lecker aus, Panther!“

Gooott, Chris! Zur klassischen Demonstration legt er auch noch genau in diesem Moment seine Hand auf meinen Hintern. Drückt kurz zu und als ich mich zu ihm umdrehe und zurechtweisen will, sehe ich, dass er dem Töchterchen vom Nachbartisch amüsiert zuzwinkert, bevor er weiter raunt, nur für meine Ohren bestimmt. „Jetzt hat die Kleine ein bisschen was zum Gucken. Man sieht ja nicht alle Tage so leckere Homos, wie wir es sind!“

„Verdammt, Chris …“ Ich will aufbrausen und werde von seinen Lippen gestoppt. „… du bist provokant“, nuschle ich noch und lasse es einfach geschehen. Lasse zu, dass er vor der Garderobe stehend meine Lippen liebkost, sanft und gefühlvoll Druck ausübt und mich dabei immer näher an seinen Körper ranzieht.

Alles nur Show! Alles ein Spiel! Und ich … bin die Spielfigur!

Vor wenigen Minuten hab ich ihm noch gesagt, dass ich ihn liebe. Wenn er also nicht gleich aufhört, dann explodiere ich vermutlich doch noch. Irgendwie!

Es kostet mich nicht mal eine Frage, denn dafür kenne ich Chris dann doch schon zu gut. Kaum sind wir draußen, steckt er erst mir und dann sich eine Kippe an. Legt erneut seine Hand auf meinen Hintern unter dem Mantel und zieht mich mit, Richtung Uferpromenade.

„Das musste sein, was?“, brummle ich und mache es ihm gleich. Das mit der Hand. Einfach, weil ich ihn unglaublich gerne ganz nah bei mir haben möchte.

„Was? Das da drinnen?“, lacht er auf und drängt sich dann doch ein bisschen zu weit gegen mich. Ich stolpere und muss mich an ihm festhalten. „Humor, Cameron! Die Kleine hat so sehnsüchtig geschaut. Die hat dich eine geschlagene Stunde mit den Augen ausgezogen und vermutlich nicht jugendfreie Fantasien gehabt. Da musst du ihr doch auch mal was bieten. Showbiz.“

„Arsch bist du, ehrlich!“ Aber ich kann’s doch nicht verhindern, dass meine Mundwinkel belustigt nach oben zucken. Humor, ja! Wenn ich mal ein bisschen tiefer in mir grabe, finde ich den Witz hinter der Sache vielleicht irgendwann.

„Du bist nicht so der Öffentlichkeitstyp, was?“

„Aber du, ehrlich wahr! Du …“

Chris stoppt mich, stellt sich vor mich und … küsst mich. Schlüpft verlangend mit seiner Zunge in meinen Mund und stiehlt mir die letzten Worte einfach aus dem Kopf. Meine Nerven flattern. Mein Atem geht schwerer und sein Leib drängt sich so fest an meinen Körper, bis ich sein Glied spüren kann. Ich kann nicht verhindern, dass mir ein zustimmender Laut entkommt. Möchte den Moment gerne festhalten und weiß dennoch, dass er wenigstens für heute bald vorbei sein wird.

„Chris … lass uns weiter laufen, bitte.“ Ich atme schwer an seinen Lippen und drücke mich entgegen meiner Worte noch ein bisschen enger an ihn. Lege den Kopf leicht in den Nacken, weil ich sein Fingerspiel dort hinten in meinem Haaransatz noch ein bisschen intensivieren möchte.

„Ist gerade ein bisschen schlecht. Hab da was Hartes in der Hose, was mir das Laufen erschwert, wenn ich es mal mit deinen Worten ausdrücken möchte“, raunt er zurück und zieht eine feuchte Spur von meinem Mund, über mein Kinn und meinen Hals hinunter. Bis zu der kleinen Kuhle unterhalb des Kehlkopfes und seufzt auf, weil er von den restlichen Knöpfen meines Hemdes gestoppt wird. Die Strafe für seinen … na ja … weniger witzigen Humor kassiert er allerdings sofort, indem meine mittlerweile fies kalte Hand unter seinem Shirt zum Liegen kommt.

„Dein Humor ist gewöhnungsbedürftig“, schnaube ich zurück und schwanke ein bisschen zwischen Belustigung und säuerlich sein.

„Cameron, komm schon! Lass uns einfach Spaß haben. Das Leben ist viel zu kurz und viel zu trist, um es mit solch banalen Dingen zu verschwenden.“

Ich schlucke. Er hat ja Recht, er hat ja, verdammt noch mal Recht, aber … Ich schlucke noch mal. Beschwerlich! Krampfe meine Hände zu Fäusten bis der kaputte Arm wieder schmerzt und trete von ihm weg. „Glaub, ich möchte langsam heim! Der Tag sitzt mir in den Knochen, ich bin müde und muss raus aus dem Anzug. Kann ich dich irgendwo hinfahren?“

Ich bin irgendwie … frustriert, was mich selbst ärgert aber nicht abstellbar ist.

„Cameron“, raunt Chris und möchte noch was sagen, aber ich drehe mich weg. Laufe los und mit jedem Schritt, den ich mich entferne, beschleunigt sich mein Puls.

Alles nur Spaß! Der ist mir gehörig vergangen. Egal was ich sage, ich komme nicht an ihn ran. Jedes Mal, wenn ich denke, da schwingt jetzt ein bisschen Zuneigung mit, fallen wir sofort zurück auf die ach so lustige Spielebene. Chris strampelt sich immer wieder frei und weigert sich vehement, das kleine Bedürfnis nach Liebe, das da in ihm schlummert, einfach mal hinzunehmen und den Dingen ihren Lauf zu lassen. Das ist ganz schön schlimm. Werde ihn schon nicht einengen. Ich … hatte zumindest nicht vor, ihn einzuengen. Eigentlich!

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Bericht Re: Duits | Eigentlich ... door Redactie » woensdag 19 augustus 2015 14:45

20.


Hinter dem Steuer meines Wagens sitzend, zähle ich die Sekunden – Zeit zum Durchatmen – bis die Beifahrertür aufgemacht wird. Chris schaut zweifelnd zu mir rein. „Können wir reden, Panther?“

Ich nicke nur und starre weiter geradeaus. Warte, bis er sitzt und ziehe ungehalten und viel zu schnell aus der Parklücke raus. „Fang an!“

Doch er greift nach meiner Hand, die den Schaltknüppel zerdrückt, und bittet stumm um etwas Geduld. Weiß nicht warum, aber ich peile die andere Seite der Stadt an, dort, wo es aus der Innenstadt rausgeht. Das ist sein Weg. Wenn auch erst in knappen zwei Stunden. Angekommen halte ich auf dem Parkplatz, der dem Club am nächsten ist und der Wagen verstummt. Immer noch spricht Chris kein Wort. Immer noch halte ich den Blick stur geradeaus. Rein, in die tiefe Schwärze des Nachthimmels.

„Du wolltest reden“, fordere ich erneut, diesmal leiser. Unendlich verbittert über diese verfluchte Situation, in die ich mich schon wieder selbst reinmanövriert hab.

„Es tut mir leid, Cameron. Ich arbeite an mir und ich weiß um deine Gefühle. Ich hatte nicht vor, dich lächerlich zu machen. Es geht leider nicht so schnell, wie ich es gerne hätte, aber … ich arbeite an mir. Brich unsere Vereinbarung nicht, hörst du? Darum wollte ich dich bitten. Mir … liegt sehr viel daran.“

„Es würde mir leichter fallen, diese zu brechen, wenn du immer nur Arsch wärst.“

Oder auch nicht! Denn es fiel mir nie etwas schwerer, wie dieses Dann-und-Wann, das ich hier mit Chris gerade zelebriere. Ihm liegt was an der Vereinbarung? Nur an der Vereinbarung? Ernsthaft?

„Verstehe“, murmelt er und senkt die Stimme dabei.

„Nichts verstehst du! Ehrlich wahr!“, fahre ich ihn da auch schon an und drossele dann doch gerade noch rechtzeitig den Ton, um weiterzusprechen. „Du hast absurde Regeln aufgestellt und ich spiele da mit. Ich spiele da einfach nur mit, weil du mir keine andere Wahl lässt. Jedes Mal, wenn wir einen Schritt vorwärts kommen und wir nicht zufällig im Bett landen und der Intensität ein Ventil geben können, dann ziehst du dich zurück. Reißt irgendeinen dummen Witz. Stellst alles, was in dem Moment zwischen uns war, einfach auf’s Spielfeld mit drauf. Warum? Damit du dich wieder wohl fühlst und spöttisch den Überblick behalten kannst? Sag es mir! Ich würde so gerne wissen, warum das so ist. Wenn du möchtest, dass ich dir entgegenkomme, was ich total gerne will, dann musst du dich mir öffnen und nicht immer gleich um dich schlagen.“

„Ich … kann nicht, Cameron. Gib mir Zeit!“

„Du musst es versuchen, Chris. Ich versuche bis dahin mit deinen Regeln zu leben. Das verspreche ich dir. Du bekommst deine Zeit.“ Und noch leiser füge ich hinzu: „Solange, bis ich meine eigene Grenze erreicht hab.“

„Und jetzt?“, fragt er lahm und schaut genau wie ich durch die Windschutzscheibe in den Nachthimmel hinein.

Geht gar nicht drauf ein, was ich ihm vorgeworfen hab. Nicht mal darauf, dass ich ihm eigentlich … gerade viel mehr geboten hab, als unsere Vereinbarung das überhaupt hergibt. Das Gefühl in mir ist ein bisschen dumpf. Ein bisschen mehr als ein bisschen vielleicht und daher spreche ich einfach noch leiser weiter. Normal geht gerade nicht mehr. „Erzähl du mir doch im Gegenzug von deiner Mutter und deiner Kindheit, wenn du noch nicht in den Club gehen möchtest.“

Sein Kopf ruckt herum. Als hätte ich Gott weiß was von ihm verlangt. Er verzieht das Gesicht. Eine gewisse Abscheu zieht sich über sein Gesicht und er öffnet den Mund, um etwas zu sagen. Schließt ihn dann wieder. Verschließt die Worte, die ihm da irgendwo auf der Zunge liegen, vielleicht auch auf der Seele kurz aufgebrannt sind. Kopfschüttelnd drückt er meine Finger und steigt aus. In mir blockiert was. Krass, es schmerzt. Ich hätte nie gedacht, dass es noch mehr wehtun könnte. Jetzt wäre der Zeitpunkt gekommen, wo ich ihm hinterhergehen sollte. Aber das kann ich nicht.

Ich. Kann. Das. Nicht.

Bin doch selbst schon am Limit, wie soll ich … Wie soll ich Chris beistehen, wenn meine Kraft nur noch ein törichtes Trugbild ihrer selbst ist? Ich sehe ihm nach, wie er mit hängenden Schultern, hängendem Kopf, die Hände in den Taschen seines Kurzmantels vergraben und dennoch mit geschmeidigem Gang, in der Seitengasse verschwindet.

Mir allerdings fällt jede Bewegung schwer, denn ich fühle mich gelähmt. Ich kenne diesen Gang. Diesen Schritt. Genau so ist er gelaufen, als ich ihm damals auflauerte. Meine Augen werden feucht und irgendwie löst sich eine Träne, die nicht dahin gehört, und meine Unterlippe wird von meinen Zähnen traktiert.

Noch mal Luft holen. Atmen nicht vergessen, Cam! Verdammt noch mal!

Bewegung kommt in mich. Ehrlich wahr! Ich springe ein wenig hastig aus dem Wagen, verriegele ihn noch im Laufschritt und biege in eben diese Seitengasse ein. Das Black Stage hat schon geöffnet. Schlangen gibt’s hier allerdings keine. Nie eigentlich! Da wird streng drauf geachtet. Besser gesagt, Thomas achtet darauf. Das war mal, wenn ich mich richtig erinnere, eine Auflage von der Stadt, weil der Laden einfach zu zentral an der Innenstadt liegt. War eine Riesensache gewesen damals, als sie das Black Stage schließen wollten. Das hat Schlagzeilen gegeben.

Und ganz entfernt klingelt es bei mir. Ganz weit weg, aber doch irrsinnig schrill. Uli hat den Laden gegen die Stadt vertreten. Damals, als ich noch relativ neu in der Kanzlei war. Kurz nach meinem Studium muss das gewesen sein. Zu einer Zeit, da gab’s selbst Kati noch nicht. Da gab’s nur Kätzchen. Viele davon.

Mein Schritt beschleunigt sich. Diese Information mit dem Black Stage muss ich nicht extra abspeichern. Ich weiß, die brennt sich jetzt bei mir ein. Uli ist nicht nur Kunde dort. Das kann nicht sein! Da ist mehr!

Chris ist vermutlich schon drin und ich versuche mich, mutig wie ich bin, einfach am Türsteher vorbeizuschieben. Um diese Uhrzeit wird es schon mächtig voll sein. Nicht so voll, wie in einem Tanzschuppen. Lange nicht so voll wie das Sixtie zum Beispiel und doch zieht mich das Flair, die Atmosphäre, die Dunkelheit und das dumpfe Vibrieren des Basses nach drei Jahren Abstinenz beinahe magisch an.

Lange ist’s her. Irrsinnig lange. Ich stehe auf der Schwelle und werde von einem Gorilla blockiert. Sauge dennoch den typischen Clubgeruch in meine Lungen, der aus der Eingangstür dringt. Die wenigen Lichter, das Dunkel, das die Augen erstmal zukneifen lässt, all das weckt ein Meer voller Erinnerungen in mir. Bis alle Eindrücke in mich gedrungen sind, schließe ich die Augen, lasse alles auf mich wirken.

„Hier geht’s nicht weiter, mein Freund!“

„Dachte ich mir. Ich möchte eigentlich nur kurz zu Chris!“

Der Türsteher lacht auf. Lacht mich aus und ich werde echt sauer, beherrsche mich gerade noch so.

„Chris? Zu dem wollen viele! Der ist fest gebucht und hat keine Zeit. Zahl deinen Eintritt und für dich wird sich ein anderer Angestellter finden!“

„Ich muss nur kurz mit ihm reden. Christopher ist erst ab elf gebucht, das weiß ich.“ Der Türsteher macht sich aber geradewegs noch ein bisschen breiter. Schon gut! Kein Stress! Ich greife nach meiner Geldbörse und verharre in der Bewegung, als mein Name von drinnen fällt.

„Cameron?“

Mein Kopf ruckt zur Seite, an dem Schrank von Mann vorbei, und ich muss wirklich dreimal hinschauen, bis ich Noah erkenne. Wie kann das sein, dass er mich noch kennt? Bei all den Männern, die die letzten drei Jahren das Vergnügen mit ihm hatten?

„Noah!“, antworte ich leicht farblos. Er kommt näher, streckt sich, bis seine helle, im Schummerlicht blass schimmernde Haut unter dem Shirt zum Vorschein kommt. Gleich darauf fasst er ziemlich vertraut an meine Manteltaschen und tastet mich ab. Ein bisschen verdutzt bin ich schon, aber da ich noch dabei bin, den kleinen Kater zu betrachten, lasse ich ihn einfach mal machen. Noah zieht ein Gesicht, wie … wie ein Katerchen eben. Verändert hat er sich. Chris hat Recht. Aber ein Kater ist er ja doch noch.

Musst du mal genau hingucken, Chris, siehst du das nicht? Wie soll dich Noah da oben in der Lounge bitteschön ersetzen, hm?

Meine Mundwinkel biegen sich belustigt nach oben und ich hebe die Arme, bis Noah fertig ist, mit seiner Rumsucherei, die er gerade von Neuem begonnen hat. „Hast du wirklich keine Kippen?“ Sein Schnäuzchen verzieht sich und das sind dann auch die ersten Worte, die er überhaupt an mich richtet.

„Leider aus, sorry, Kleiner. Wenn du Chris für mich rausholst, dann kriegst du deine Kippe. Chris hat welche.“

„Chris?“ Seine Braue wandert nach oben und Noah pumpt letztendlich den Türsteher an. Inhaliert den blauen Rauch und ich befürchte, er friert sich gleich seinen süßen Hintern ab. Aber die sind ja robust, die Angestellten hier. Passen sich jeder Lebenslage an und Beschwerden kommen vermutlich höchst selten. Eine schlanke Gestalt hat Noah immer noch, aber mittlerweile dezent kräftiger, an Stellen, wo es einfach hingehört. Mein Blick gleitet erneut über ihn und Noah seufzt auf.

„Chris ist gebucht. Wie immer. Ich habe mich schon gefragt, ob du jemals wiederkommst. Erinnerst du dich an mich?“, grinst er mich frech an und zieht noch mal an der Kippe, bis diese glutrot aufzuplatzen scheint. Mann, bin ich etwa genauso süchtig?

„Ich soll wiederkommen, wenn ich meine Kraft zu lenken weiß und dich würdig unter mir antreiben kann!“ Ich zwinkere ihm zu, führe seine Hand an meinen Mund und ziehe ebenfalls an dem Stummel. „Kann ich, Katerchen. Ich wäre auch ganz sicher noch mal zu dir gekommen, aber ich hab Hausverbot. Oder hatte! Wie man’s nimmt. Jetzt geht das leider nicht mehr. Ich glaub, Chris hätte ernsthaft was dagegen.“

Offensive ist gut, oder? Gehörte zu den Regeln von Chris auch der Grundsatz, dass niemand von unserer … Vereinbarung wissen darf?

Noah kneift die Augen zusammen und mustert mich von unten herauf. Ist schon süß, der Kleine. Trotz seines athletischen Körperbaus, immer noch fast einen Kopf kleiner als ich. „Hat Chris ein Privileg auf dich, oder was?“

Hat er? Weiß ich gar nicht. Aber es liegt ja auch an mir. Ich will’s nicht. „Kannst du ihn für mich rausholen?“

„Hier draußen ist’s kalt. Ich frier mir hier gleich den Arsch ab. Komm doch mit rein.“

„Aber …“

Noah packt einfach meine Hand und zieht mich am Türsteher vorbei. Wechselt ein paar Worte mit ihm, klimpert mit den Wimpern und dringt mit mir durch den Vorhang, der den Clubraum vor neugierigen Blicken abschirmt. Wenn, so wie jetzt, die Clubtüren geöffnet sind.

„Chris?“, fragt Noah mit dem Kopf deutend nach oben an den Keeper gewandt, bekommt ein Nicken und zieht mich weiter. Ohne Beanstandung an Mr. VIP-Riesenarsch vorbei, der selbiger zu sein scheint, wie schon drei Jahre zuvor, und die Treppe hinauf. Einen Gang entlang und eine Tür am anderen Ende des Flures öffnend. Zwei Köpfe fliegen nach oben. Zwei fragende Gesichter sehen uns an. Thomas und Chris!

Während Thomas hastig die Unterlagen auf dem Schreibtisch zusammen schiebt, knurrt Chris Noah an. „Was soll das? Anklopfen, Noah. Immer wieder! Anklopfen! Großer Gott, ihr lernt das nie, was? Ab Januar wird hier angeklopft. Egal welche Tür! Egal welcher Raum! Egal welche Lounge! Und wenn ich euch das bis zum Erbrechen eintrichtern muss, dann tue ich das. Was willst du?“ Mit seiner Frage wendet er sich so abrupt und ein bisschen zu laut an mich, dass ich kurz zusammenzucke und mich erst mal sammeln muss. Es ist spürbar, wie Chris durchdringender Blick an mir runterwandert, den Arm entlang krabbelt und meine Hand anvisiert. Ich könnte Noah jetzt loslassen. Könnte ich! Ich sollte es tun! Das wäre wirklich besser! Aber ich mache aus dem normalen Händchenhalten ein Verschränken mit den Fingern und greife einfach noch ein bisschen fester zu, da der kleine Kater neben mir unruhig wird. Ich hab ja doch noch ein bisschen mehr Kraft, die ich dann auch ganz dezent einzusetzen weiß.

Mein geübt böser und durchdringender Blick findet mich. Den gibt’s noch! Tschaka … Allerdings nur selten außerhalb des Gerichts. Genauso harsch, wie Chris mich anmacht, erhebe nun auch ich meine Stimme.

Ich. Kann. Das. Auch.

Fuck you, Chris. Ehrlich wahr! Locker, ja? Keine Verpflichtungen? Keine Spielregeln? Ich bin ja mal grandios gespannt, wie du deine Spielregel selbst interpretierst.

„Stört’s dich?“, frage ich leicht spöttisch und warte seelenruhig auf die Antwort.

Chris Blick wandert von mir zu Noah und wieder zurück. Seine Lippen bewegen sich kurz, aber er sagt nichts.

Ich hebe unsere Hände direkt auf seine Augenhöhe und beobachte, wie seine Gesichtszüge noch ein bisschen härter und noch härter werden. „Ob es dich stört, Chris?“

Ein Muskel zuckt über seinem klassisch schönen Wangenknochen der rechten Gesichtshälfte. Sein Blick dringt in mich. Ein weiterer Muskel zuckt und ich glaub, man könnte Stecknadeln fallen hören. Katerchen senkt peinlich berührt den Blick. Es ist ihm sichtlich unangenehm, zwischen die Fronten geraten zu sein. Beim Chef höchstpersönlich wird’s dann vermutlich so richtig peinlich. Er starrt seine Fußspitzen an, die verlegen auf dem abgetretenen Linoleumboden herumscharren, und versucht sich abermals aus meinen Griff rauszuwinden.

„Chris?“, hake ich ein drittes Mal nach. Ich frage ihn auch noch dreimal. Bin da ziemlich gut drin. Mache ich jede Woche. Uhh … ich kann echt hartnäckig sein, wenn mir so ein schnöseliger Anwalt der Gegenpartei ans Bein pinkeln will. Und jetzt auch! Meine Finger sind unnachgiebig mit Noahs verschränkt und dann … bekomme ich tatsächlich ein kaum wahrnehmbares Nicken von Chris geschenkt. Diese unglaubliche Erleichterung sprengt fast schon Ketten und lässt meinen Puls um weitere Nuancen hochschnellen.

Noah nutzt die Chance meines Entspannens, entwischt, und Thomas stellt sich neben seinen Jungen und legt seine Hand auf Chris Schulter. „Ist alles in Ordnung, Christopher? Oder gibt das Ärger?“

„Lässt du mich bitte fünf Minuten mit Cameron alleine?“

Thomas blickt mich an, feindselig, will ich mal meinen, und drückt sich dann durch die Tür an mir vorbei. Schlanker kann ich mich dann auch nicht machen. Bekomme seinen Arm, der mir etwas zu fest erscheint, im Bereich meines Magens ab. Auch Thomas kann böse gucken, wie ich soeben feststellen muss.

Ich tu deinem Bub schon nichts. Keine Angst!

Die Tür wird nur halb geschlossen und Thomas ist vermutlich gar nicht weit weg. Das muss reichen. Es ist gut so. Soll der ruhig lauschen.

Nach vier Schritten um den Schreibtisch herum, ziehe ich Chris in die Arme. Schiebe meine Hände unter sein Shirt und spüre die Wärme, die er augenblicklich an meine Handflächen abgibt. Ich drücke mich fester an ihn, meine Lippen auf seinen Mund und warte, bis er den Kuss endlich erwidert. Mit leichtem Druck nur. Ein bisschen desorientiert, der Gute. Aber es ist gut so. Genau richtig für diesen Moment.

„Wieso läufst du vor mir weg?“, murmle ich an seinem Mund und hole mir einen weiteren Kuss.

„Was ist mit Noah?“

„Ernsthaft? Das fragst du mich? Lieb dich, Chris. Ich hab keinen Bedarf an kleinen Schnurrern oder gar anderen Raubtieren. Lauf nicht immer weg, hörst du? Was war los?“

Chris stoppt meine Finger, die auf seiner Haut unterwegs sind, über seine Seite streicheln und für das leichte Beben seines Körpers verantwortlich sind. Seine Hände legt er auf meine und seine Stirn ist gegen meine Schläfe gedrückt. „Du bist mir zu schnell, Cameron. Und du willst zu viel auf einmal!“

„Zu viel? Ich will dich. Du bist nicht zu viel. Du bist für mich genau richtig. Lauf nicht mehr weg“, flüstere ich ein weiteres Mal und lege meine Lippen erneut sanft auf seinen ab. Genieße die Nähe und genieße, dass Chris so nachgiebig ist. Eigentlich … steht er hier in den Räumen doch über allem. Eigentlich! Aber mir gönnt er den winzigen Moment einer kleinen Unverfälschtheit, so, wie ich ihn nur aus dem Bett heraus kenne.

„Cameron, ich habe dich gewarnt. Mehrmals! Ich bin nicht fähig …“

„Lass uns das gemeinsam rausfinden. Lauf nicht mehr weg, darum bitte ich dich! Schaffst du das? Es zerreißt mich. Das kannst du nicht ernsthaft wollen!“

Ich schiebe mich noch ein Stück näher an ihn, bis ich an sämtlichen Stellen seiner Gestalt an ihm andocken kann und lecke mich über die empfindliche Stelle unter seinem Ohr bis hin zum Schlüsselbein. „Wie lange geht das heute?“

„Was?“, fragt er rau und bebt unter meinen Berührungen nach.

Hm … Chris. Du machst mich schwach!

„Deine Buchung heute?“

„Bis eins. Dann noch zwei Stunden unten auf der großen Bühne. Volles Programm, wenigstens, was die Shows betrifft. Alles in allem vier Stunden nur.“

„Gut!“

Ich löse mich ja nur ungern von ihm, aber ohne Berührung kann auch ich besser reden und … das Denken hab ich sowieso eingestellt. Ohne irgendwelche Konsequenzen abzuwägen, ziehe ich meinen Schlüssel aus der Manteltasche, nehme seine Hand und lege den Bund hinein. Nehme mir noch einen Zettel vom Schreibtisch und notiere meine Adresse.

„Komm vorbei“, fordere ich Chris auf. „Ich werde wach sein und wenn nicht, darfst du mich wecken. Komm einfach rein und schließe von innen ab. Das Schlafzimmer ist im ersten Stock links, die hintere Tür.“

Er atmet flach, lässt sich den Zettel noch zusätzlich zwischen die Finger schieben und sein Mund steht offen. Er möchte was sagen, ich weiß das, aber Worte scheinen ihm gerade zu fehlen.

Hmm … mein geschmeidiges Raubtier.

„Komm vorbei, bitte. Ich möchte gerne mit dir zusammen sein.“

Völlig überrumpelt sieht er aus. Aber sein langsames, darauffolgendes Nicken erleichtert mich. Ich weiß doch, wie es ihm geht. Er ist genauso verwirrt wie ich. Mir ist so unsagbar heiß und ich bin völlig verrückt nach diesem einen Mann.

Ein letztes Mal schiebe ich mich an ihn ran, greife mit einer Hand an seinen Hintern und mit der anderen an seinen Nacken und presse meine Lippen auf seinen leicht geöffneten Mund. Mit der Zunge fahre ich seine Unterlippe entlang, lecke über seine Mundwinkel und bitte dann stumm um Einlass. Fordere ihn auf, necke und umschmeichle ihn, bis Chris darauf einsteigt und ich mich wundere, dass da irgendwas fehlt.

„Wo ist die Kugel?“, frage ich rau und zupfe mit meinem Mund an seinen Lippen herum. Knabbere daran und lecke ihn ab.

Chris schmunzelt. „Die habe ich für die Damenrunde rausgemacht.“

„Uhm … warum?“

„Weil sie für mich einen großen Teil der Erotik transportiert. Das brauchen diese Frauen nicht.“ Er zwinkert mir zu. „Die sind schon heiß, wenn sie mir zugucken können!“

Meine Finger in seinem Schopf und an seinem Hintern greifen zu. Ein bisschen fest, will ich mal meinen, aber Chris hat sich noch nie beschwert. Presst sich stattdessen noch ein bisschen enger an mich und ich spüre den Druck, die deutliche Ausbuchtung seiner Hose, die immer größer und fester wird und reibe mich an ihm.

Und … verdammt noch mal … ich muss gehen. Wenn ich jetzt nicht gehe … Schwer atmend löse ich mich von ihm, streiche ihm eine wirre, dunkelbraune Strähne aus der Stirn und fahre mit meinen Finger noch mal durch sein Haar. „Bis dann, mein schöner Wolf! Lass dich von den Mädchen nicht vorführen und mach bitte diese krass geile Kugel wieder rein, wenn du zu mir kommst“, sage ich noch, boxe ihn grinsend, aber weniger fest in die Seite und drehe mich weg von ihm. Sein leises Aufkeuchen, in dem ein Hauch von Lachen mitschwingt, gefällt mir. Es ist irgendwie … grandios schön. Die Tür stoße ich allerdings vehementer auf, als nötig wäre und Thomas zuckt dann doch ein bisschen zurück.

„Ihr Junge ist wieder frei“, knurre ich ihn an und mache jetzt schon drei Kreuze, wenn ich dieses Gesicht ab Januar nicht mehr sehen muss. Also … hier in dem Club, meine ich, wenn ich Chris besuchen komme, sobald er Chef des Ladens ist. Ein bisschen erschrecken mich meine Gedanken. Das klingt verdächtig nach geplanter Beziehungskiste, was sich mein vertrackt denkendes Hirn mal wieder zusammenspinnt. Das sollte ich Chris dann wohl doch lieber nicht erzählen.

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Bericht Re: Duits | Eigentlich ... door Redactie » woensdag 19 augustus 2015 14:46

21.


Heute bin ich echt spät zu Hause. Genau elf Uhr! Ich muss mir den Gedanken regelrecht verbieten, dass Chris’ Schicht jetzt beginnt. Das ist krass. Es schlägt jedes Mal über mir ein, wenn ich nur ein Blinzeln lang die Bilder zulasse, die sich von der Lounge in mir eingebrannt haben.

Ein Abstecher bei Ma und dem Oberboss, um meinen Zweitschlüssel dort abzuholen, ging damit einher, dass meine Ma mich nicht gehen ließ. „Oh, Cameron! What’s up with you? Are you tired? Come on, Baby. Come on! Do you want a piece of cake?“

Uhm … ich musste echt verhungert ausgesehen haben! Ich umarmte sie kurz mit einem „Hi, Ma!“, bevor ich auch dem Oberboss zur Begrüßung winkte, der im Wohnzimmer irgendeinen amerikanischen Streifen in schwarz-weiß anschaute.

„Hat wer Geburtstag?“, konnte ich mir die Frage an Ma dann doch nicht verkneifen und sie lächelte schelmisch. Gut, kein Geburtstag! Pa hatte wohl einfach einen guten Tag und konnte Ma in ihrer Backlaune nicht stoppen. Hatte ich gegenüber Chris nicht noch vor wenigen Stunden behauptet, sie backt nur dreimal im Jahr diese Dinger? Ein blödes Grinsen schlich sich auf mein Gesicht, bevor ich das leckere Angebot ablehnte. „Danke, Ma. Ich hab keinen Hunger!“

Eigentlich … war ich ja schon auf dem Sprung, aber schnell abzuhauen, das ging mächtig daneben. Ma drückte mich auf einen Stuhl in ihrer geheiligten Küche und löcherte mich mit Fragen. Wollte alles wissen und erzählen tat ich ihr am Ende natürlich nicht viel. Nichts Relevantes zumindest. Nur ein bisschen von meinem Tag in der Kanzlei. Das interessierte sie ja immer brennend.

Zudem bin ich mir ja immer noch nicht so sicher, was die beiden zu Chris sagen würden. Also, nicht zu Chris als Person, aber … na ja. Irgendwann erfahren sie’s vielleicht, lernen ihn kennen. Wann und ob das tatsächlich passiert, liegt wohl weniger an mir, als an ihm. Aber eigentlich … ist’s doch auch scheißegal.

Ich erzählte ihr daher von Marie-Claire. Die ist nämlich ganz vernarrt in meine Ma und meine Ma auch in sie. Und sie mag auch den Kuchen von meiner Ma. Vielleicht bringe ich ihr sogar ein Stück mit. Eines von den fünfen, die ich letztendlich eingepackt bekommen habe. So als Goody, weil das Mädchen sich heute mein Gejammer anhören musste. Auf andere Fragen von Ma ging ich dann wirklich nicht mehr ein. Wollte das Gefühl in mir noch wahren, dass da immer noch ein bisschen High-Flight widerspiegelte. Wusste ja, dass der freie Fall nach unten von ganz alleine zurückkommt.

Aber gerade geht’s mir noch gut. Hab mir auf dem Weg in meine vier Wände verboten, die Frage zu stellen, ob die Abgabe meines Schlüssels an Chris etwas zu voreilig war. Und frage mich das jetzt natürlich erst recht, als ich den Schlüssel im Schloss herumdrehe.

Dunkelheit empfängt mich und eine Kälte, die mir Gänsehaut beschert. Ich muss mehr heizen. Vielleicht sollte ich überhaupt mal heizen. Das schreibe ich mir auf meinen imaginären Merkzettel und atme einmal tief durch.

Ich kann auch nicht umhin, immer breiter zu grinsen, kaum dass ich die Schwelle komplett überschreite und die Tür hinter mir schließe. Chris ist heute gesprungen! Nur für mich hat er das getan und es tut verdammt gut.

Er hat sein Ego erstmals hintangestellt und mir das bisschen, was er mir entgegenbringen kann, quasi vor die Füße gelegt. Mit einem winzigen Nicken – wie ein Geschenk!

Danke Chris! Ich garantiere dir, ich werde damit sehr sorgfältig umgehen. Das war ein riesengroßer Schritt für ihn und ich bin glücklich darüber. Auch wenn ich ihn ein bisschen dazu genötigt hab. Trotz der Kälte in diesen vier Wänden wird mir bei diesem Gedanken echt warm. Ich hab etwas von ihm eingefordert, das er lieber unter Verschluss halten wollte. Bin mit Karacho gegen die Grundregeln angegangen und … weiß gar nicht, wo der Anfall von Mut überhaupt herkam, der jetzt, nach dem ich endlich im Haus angekommen bin, wie bröckelnder Putz von mir abfällt.

Mein Blick schweift durch das Erdgeschoss. Immer noch ist es dunkel. Ich bin nicht so der Licht liebende Mensch. Und … muah … es ist wirklich krass kalt, Mann! Fuck! Da erfriert man ja im eigenen Haus. Jacke und Schuhe behalte ich also lieber an und schiebe die Hände in die Taschen des Mantels, um nach dem neuen Kippenpäckchen zu angeln.

Meine Augen bleiben an der Topfpflanze hängen, die vor dem bodentiefen Wohnzimmerfenster steht und echt traurig aussieht.

Ich muss daran denken, die mal zu entsorgen. Meine Ma wird sauer, wenn sie das Trauerspiel sieht. Aber sie ist ja auch seltener bei mir, als ich in meinem Elternhaus, meinem Zuhause. Dieser Bunker hier ist ja doch nur ein Haus. Nicht mehr und nicht weniger. Viel zu groß für mich und ich behaupte ja immer ganz gerne mal, da waren die Augen größer als der Verstand. Aber mein Verstand ist ja sowieso vorbelastet. Ein bisschen wenigstens. Darum kann ich es auch vor mir herschieben, diese Palme zu entsorgen.

Braucht wenig Wasser, hatte Ma gesagt, als sie mir das Ding freudestrahlend mitgebracht hatte. Das war vor sechs Monaten. Vielleicht hätte sie in dieser Zeit mal Wasser gebraucht.

Ich setze mich an den Küchentresen und ziehe den randvollen Aschenbecher zu mir. Eigentlich entleere ich den ja schon jeden Tag … und frage mich ernsthaft, wieso der so voll ist.

Das ist schon eine Glanzleistung von mir: Nur eineinhalb Kippen geraucht, seit halb sieben am Abend bis jetzt um elf. Möglicherweise hole ich den Verlust noch auf, bis ich ins Bett gehe. Diese Dinger haben eine grandios beruhigende Wirkung. Ehrlich wahr! Aufstehen und die Asche entsorgen, das kann ich auch gleich noch. Später! Viel später!

Dann kann Chris auch eine rauchen, wenn er kommt. Hat Chris überhaupt zugesagt? So richtig? Hat er gesagt, dass er kommt? Genickt hat er. Chris wird kommen! Und bis dahin rauche ich halt noch eine. Oder auch zwei … oder drei. Lasse den Fernseher noch ein bisschen laufen und kann auch noch die Akte durchgehen, die ich mit heimgenommen hab. Könnte aber auch einfach ins Bett gehen, denn für mich ist die Nacht um sechs schon wieder vorbei. Dann, wenn’s draußen noch stockdunkel ist. Schneefall ist für morgen angesagt. Herzlichen Glückwunsch!

„Was hast du dir nur dabei gedacht, Cam?“ Kopfschüttelnd leere ich den Aschenbecher dann doch noch aus, drücke die Kippe hinein, drehe in sämtlichen Räumen die Heizung nach oben und schleiche mich in den ersten Stock. Widme mich kurz meiner Abendtoilette, krieche ins Bett und … bekomme natürlich kein Auge zu. Wenn Chris kommt, dann … In mir klopft’s wieder los, als wäre der Adrenalinrausch noch lange nicht abgeebbt.

Aufgeweckt werde ich, als das Gefühl in mir wächst, beobachtet zu werden. Und mir kommt’s auch gerade so vor, als wäre mein Puls beim Schlafen nicht mal ansatzweise runtergefahren. Das dumpfe Pochen in mir geht einher mit der Unruhe, durch die ich letztendlich aus meinem Schlaf gerissen werde und doch weiß ich schon beim ersten Mal Blinzeln, warum in mir nicht alles auf Alarmbereitschaft geht. Das feine, angenehme Kribbeln zieht sich von meinen Nacken die Wirbelsäule hinab und lässt mich erschauern. Langsam drehe ich meinen Kopf in Richtung Tür, blinzele noch mal, um sicher zu gehen, dass ich auch richtig sehe. Chris lehnt ihm Rahmen. Betrachtet mich. Und das Licht aus dem Bad gegenüber zaubert ein grandios heißes Bild seiner Statur. Das Spiel aus Licht und Schatten auf seiner Muskulatur lässt ihn unglaublich anziehend wirken. Ich glaub, das weiß er auch. Er regt sich nämlich nicht und nur ein leichtes Lächeln umspielt seine Lippen. Das Grün seiner Augen wirkt schwarz wie die Nacht. Zudem ist er nackt und … sagt immer noch keinen Ton.

„Hi, Wolf“, raune ich mit rauer, belegter Stimme und bleibe auf dem Bauch, meiner liebsten Schlafposition, liegen.

„Hi, Panther“, murmelt er zurück und setzt sich schleichend in Bewegung.

„Wie spät?“

„Früh, Cameron. Es ist beinahe halb fünf.“

Halb fünf? Halb fünf? Ich will mich aufrichten und schaffe es nicht rechtzeitig. Chris kommt über mich und drückt mich zurück in die Laken. „Hier drinnen ist es heiß!“

„Was?“ Doch ich merke es selbst. Kaum zugedeckt, präsentiere ich mich in einer Flanellhose und freiem Oberkörper und möchte selbst die Hose noch von mir strampeln. Heiß ist gar kein Ausdruck! Mein Schlafzimmer gleicht einer Sauna. „Dachte mir, ich muss mal heizen.“

„Hmhm“, ist das Letzte, was er sagt, bevor sich seine Lippen und seine Zungenspitze meinen Rücken nach oben arbeiten. Zentimeter um Zentimeter. Jeden Muskelstrang, jeder Wirbel, jede freie Stelle Haut, die er erreichen kann, wird eingehend geküsst. Meine Atmung geht schneller, beschleunigt sich immer mehr, je intensiver die Liebkosung durch meinen … Partner wird. Ich gebe zustimmende Laute von mir und die Hitze, die sich in mir sammelt, macht der Temperatur im Zimmer auch gleich Konkurrenz. Meine Finger sind schon lange im Laken verkrampft. Locker bleiben, wenn Chris sich an mir entlangprobiert, hatte ich schon nach dem ersten Mal aufgegeben.

Er kommt in meinem Nacken an, legt sich auf mich. Schiebt beide Arme unter meine Schultern und schmiegt sich an mich, wie eine zweite Haut. Gönnt uns eine Kuscheleinheit, die ich wortlos und zufrieden brummend entgegennehme. Sanft küsst er sich von meinem Ohr ausgehend meine Wange entlang und findet endlich zu meinen Lippen, berührt sie federleicht.

„Warum kommst du erst jetzt?“

„Es ging leider nicht früher. In der Schicht gab es heute zwei Ausfälle wegen Krankheit.“

Kurz und knapp! Ich spare mir die Nachfrage, ob nicht jemand anderes hätte einspringen können. Für was auch immer! Ich will’s nicht wissen. Ich will es, verdammt noch mal, wirklich nicht wissen. Aber weh tut’s dennoch. Von einer auf die andere Sekunde und ich schließe verbittert die Augen.

„Hey, Panther.“ Seine Nase gleitet durch mein Haar, während er seine Arme noch ein wenig fester um mich schlingt und sein Becken gegen meinen Hintern drückt. Sein Glied liegt weich an meiner Pofalte und passt sich meinen Pobacken an. Errege ich ihn nicht mehr? Doch die Antwort gebe ich mir gleich selbst. Wie soll das gehen, nach einer langen Schicht? Der Schmerz nimmt zu. Ich muss aufhören, daran zu denken. Ich …

Stopp, Cam. Hör auf!

„Ich habe was für dich, Cameron.“ Chris geht nicht auf meine leichte Verkrampfung ein, die sich nicht nur in meinen Fingern widerspiegelt, die ich mal eben in seine Arme reindrücke. Eigentlich fühle ich mich unter ihm doch geborgen und sollte mir ab heute wohl immer wieder vorsagen, dass ich kein Privileg auf seine Nähe hab.

„Was?“, murmle ich daher nur leise und verfluche mich selbst dafür, dass ich es nicht besser gewusst hab. Eins und eins nicht zusammen gezählt hab, bevor ich ihm meinen Schlüssel gab.

„Wenn du dich rumdrehst, kann ich es dir zeigen. Wann musst du aufstehen?“

„Sechs!“

„Schön“, flüstert er mehr zu sich, denn zu mir. „Noch ein bisschen Zeit für uns!“

Für uns! Das klingt tatsächlich … wahnsinnig schön. Er lässt mir ein wenig Platz, damit ich mich auf den Rücken drehen kann und erstmalig das Glitzern in seinen Augen entdecke. Wieder hat er einen leicht spöttischen Zug um den Mund, drückt seine Lippen auf meine und küsst sich abwärts, noch bevor ich um mehr betteln kann.

Ich möchte ihn weiter küssen. Möchte seinen Geschmack und seine rohe Unverfälschtheit von den Lippen lecken! Ich möchte so gerne mehr und er gönnt es mir nicht. Mit einem Griff in seine Haare will ich ihn stoppen. Ich brauche jetzt keinen Sex, sondern einfach nur ein bisschen von ihm. Weiter kuscheln und die letzte Stunde genießen.

Doch genau in diesem Moment bebe ich los. Dränge mich seiner Zunge entgegen, die meinen schmalen Streifen Bauchhaar entlang gleitet, der sich in meinem Schritt verliert. Chris leckt sich immer weiter abwärts, mit jedem Zentimeter, den er meine Hose nach unten zieht.

Mit den Zähnen, mit den Lippen, neckt er meine Eichel, bis ich nur noch laut aufstöhnen kann. „Chris, ich …“, will dich so gerne hier oben haben, ich … „FUCK!“

Ein Ruck geht durch mich durch und ich bäume mich auf, werde allerdings ungnädig an meinem Becken auf dem Laken gehalten. „Fuck, Chris. Was ist das? Uhm … ist das geil!“

Ich bin hart, stahlhart, noch bevor ich überhaupt realisiere, was da unten passiert. Einem Stromstoß gleich kommt es über mich, kaum, dass sich seine Zunge von unten nach oben meinen Schaft entlang gearbeitet hat.

„Hmm … es gefällt dir!“ Er klingt belustigt und leckt sich erneut meinen Schwanz entlang. Uhm … Was auch immer es ist, es ist grandios. Das halte ich nicht lange aus.

Meine Muskulatur erwacht. Arbeitet immer wieder gegen ihn, spannt sich an, um gleich darauf wieder in sich zusammenzufallen, sobald das Etwas an meiner Härte wieder verschwindet. Er treibt mich immer weiter und ich befürchte, das Spiel ist wenigstens bei mir gleich vorbei.

„Chris, was …“

In mir brodelt’s los. Heiße Lava blubbert über und ich… stöhne meine Lust lautstark heraus. Verdammt, ich explodiere gleich. Keuche immer wieder auf, wenn meine Härte von seinem Mund verwöhnt wird.

Doch kurz bevor mein Vulkan ausbricht, hört er auf. Kommt geschmeidig, wie er nun mal ist, über mich und drängt zwischen meine Schenkel. Blinzelt mich schelmisch an und reibt seinen Ständer an meinem. Knabbert sich meine Unterlippe entlang, bevor ich ihn mit einer Hand in seinem Nacken zu mir dirigiere, meinen Mund auf seinen presse und mir endlich nehme, was ich so sehr begehre. Jetzt merke ich auch, was anders ist. Da, in seinem Mund, in seiner Zunge. Es ist spitz wie ein Pfeil. Das ist keine Kugel, das ist …

HA-HAHAHA!

Chris ist verrückt. Eindeutig verrückt und unglaublich heiß.

„Ich wusste, dass ich dich damit überraschen kann. Ich habe ja noch ganz gut in Erinnerung, wie sehr dir die Kugel schon imponiert.“ Er zwinkert mir mit immer noch funkelnden Augen zu und schiebt seine Zunge erneut zwischen meine Kiefer.

Ich ertaste es mit der Zunge, wieder und wieder. Lecke mich an seiner entlang und stöhne gleichzeitig mit ihm auf, als er den Druck seiner Hüfte erhöht und sich unsere Ständer aneinanderschmiegen und unsere Lusttropfen sich vermengen.

„Habe ich es heute toppen können?“, murmelt er, grinst dabei und bleibt in seinem langsamen Rhythmus, der uns immer weiter treibt.

Gooott, ja! Ich nicke. „Nie wieder ohne“, hauche ich heiser. Umfange ihn und bringe ihn dazu, sich auf den Rücken zu drehen. „Will dich. So sehr!“

Das Letzte, das ich noch fähig bin bewusst wahrzunehmen, ist, wie ich meine Spitze durch seinen entspannten Muskel schiebe und jede Regung von ihm beobachte. Wie seine Augen meine suchen, um auch dort einen Anker herzustellen und ich mich zu ihm runterbeuge, um unseren Akt der Liebe mit einem Kuss zu besiegeln. Ich fange noch sein Brummen auf, das tief in mir widerhallt, und versenke meinen Ständer mit einem einzigen Stoß.

Die letzte halbe Stunde bevor der Wecker klingelt, liegen wir da. Chris, wie so häufig, halb auf mir, umfängt mich mit Arm und Bein und ich kraule mich Minute um Minute seinen Rücken entlang. Er ist entspannt, hat die Augen geschlossen. Hundemüde müsste er sein und ich hab ihn ganz genau beobachtet, als ich mich in ihn geschoben hab. Seine Mimik, seine Körpersprache, sein ganzes Sein, das mehr Zuneigung auszudrücken vermag, als er das verbal hinbekommt. Weiß er überhaupt, wie schön er ist? Wie grandios gut er sich fallenlassen kann, wenn er beim Sex der Passive ist? Ich weiß es jetzt. Das reicht mir. Und ich… rede mir auch ganz gerne ein, dass er das niemals mit in seinen Job nehmen wird.

„Lieb dich, Chris“, nuschle ich in die Dunkelheit und ziehe ihn noch enger an mich. Drücke meine Nase und meinen Mund in seine Haare und inhaliere den Geruch nach frischer Dusche, gepaart mit seiner wunderbaren, ganz eigenen Note.

„Ich bin mir nicht sicher, ob meine Mutter überhaupt weiß, dass sie einen Sohn hat.“

WAAAAS? FUCK! Ich … verspanne mich dann mal kurz, höre für eine Millisekunde auf, mit den Kuppen über seine warme, glatt gespannte Haut zu gleiten und mein Kopf, der in knapp eineinhalb Stunden sowieso wieder Höchstleistung erbringen muss, wacht dann auch mal ganz aus dem Dämmerzustand auf.

„Was meinst du?“, hake ich letztendlich ziemlich unsicher nach und lasse meine Finger ihre Reise wieder aufnehmen. Ziemlich monoton wie ich finde, aber Chris scheint’s nicht mal zu merken.

„Als ich das erste Mal betteln gegangen bin, um für Mutter und mich was Essbares in die winzige, stinkende Einzimmer-Wohnung zu holen, hat es keine drei Tage gedauert, bis das Jugendamt vor der Tür stand. Ich war damals fünf. Sie hat apathisch durch mich durchgestarrt und nicht mal realisiert, dass ich mitgenommen wurde. Meine Bettelkarriere war also vorbei, bevor sie überhaupt richtig beginnen konnte.“

Chris stoppt. Atmet tief durch und ich traue mich nicht, an dieser Stelle irgendetwas zu sagen. Das muss ich erst mal verdauen.

„Ein halbes Jahr später habe ich die Frau das erste Mal wiedergesehen. Die Ämter sagten damals, sie bekäme noch eine Chance. Ich hab’s nicht verstanden. Nicht verstanden, wieso ich weg war und nicht verstanden, wieso man mich wieder dort ließ. Bei einer Frau, die mich von morgens bis abends mit leeren Augen musterte, als würde sie jede Sekunde fragen wollen, wer ich überhaupt bin und mir in mein Wasserglas Schnaps einfüllte. Eine Frau, die völlig hilflos mit den Schultern zuckte, wenn ich um was zu essen bat.“

Chris sucht nach Worten. Ich kann es spüren. Und mir wird schlecht, wenn ich daran denke, dass sein Kopfkino in diesem Moment noch viel krasser sein muss wie meines. Beruhigend streichle ich weiter. Mir fehlen die Worte.

„Mir war klar, wenn ich wieder betteln gehe, holen sie mich. Wenn ich dort bleibe, verhungere ich. Ich bin nicht verhungert, weil ein Kontrollbesuch vom Amt ergab, dass es mir in einer Pflegefamilie besser gehen würde. Es folgten jede Menge Familien, die mir nach spätestens einem halben Jahr ihr Heim verweigerten. Ich sei aggressiv, undankbar, unzulänglich. Ignorant kam irgendwann noch obendrauf. Mit fünf, sechs und sieben wusste ich nicht, wovon sie sprachen, mit acht dämmerte es mir langsam, dass dieses Leben beschissener nicht sein konnte und mit zwölf bin ich weg. Ganz weg, aus der Stadt! Ausgebrochen aus dem sozialen Netzwerk. Bediente meine ersten Kunden, weil dort, wo ich landete, das alle so gemacht haben, um ihr Überleben zu finanzieren. Meine Karriere begann also auf der Straße, nachdem ich die Schule mit zwölf das letzte Mal von innen gesehen hatte. Mit dreizehn wusste ich, wie man das Bestmögliche aus einem Blowjob macht und mit vierzehn fragte man auf der Straße explizit nach mir. Mit sechzehn las mich Thomas dort auf. Mich und ein paar andere. Gab mir ein Dach über dem Kopf, bot mir ein halbwegs annehmbares Einkommen und sorgte dafür, dass ich ärztlich betreut wurde. Ich kann von Glück sagen, dass ich mir bis dahin nichts eingefangen hatte.“

Eben sträuben sich alle Nackenhaare bei mir. Ein eiskalter Schauer kriecht über meinen erhitzten Leib und der Laut, den ich von mir gebe, klingt wohl eher wie ein aggressives Knurren, denn ein mitfühlendes Brummen. Ich will was sagen.

Ich. Will. Was. Sagen.

Ich muss sogar. Das ist meine Pflicht. Das ist meine gottverdammte Pflicht als Jurist. Ich hab sogar eine ganze Menge zu sagen und Wut entfacht sich in mir.

DAS IST ILLEGAL! DAS IST MISSBRAUCH! DAS IST ZUHÄLTEREI! DAS WAREN KINDER! FUCK! FUCK, FUCK, FUCK!

Alles schreit in mir. Ich bebe. Suche nach den passenden Worten und zerquetsche dabei fast seine Hand, die immer noch mit meinen Fingern verschlungen ist. Chris gibt mir Gegendruck.

„Chris, ich … Hast du … Wieso habt ihr euch nicht gewehrt … Ihr hättet …“

Etwas Nasses läuft meinen Hals hinunter. Ein leichtes Beben, das er mit aller Gewalt zu unterdrücken versucht, erschüttert mich nur noch mehr. Chris weint! Und ganz leise, stockend und schluckend, spricht er dann weiter, weil ich keinen einzigen Ton mehr von mir geben kann. Die Lähmung ist bei meiner Zunge angekommen, bevor sie meine Gehirnzellen lahm legt.

„Zwei Jahre später stampfte Thomas das Black Stage aus dem Boden. Machte aus dem illegalen … Drecks-Sexschuppen einen Club und suchte sich neue Räume. Ziemlich provokant, so am Rande der Innenstadt, aber es schlug ein wie eine Bombe. Er erfüllte jede noch so kleinste Auflage und meldete uns alle an. Ich bekam eine Sozialversicherungsnummer, bekam das erste Mal in meinem Leben eine Krankenkassenkarte in die Hand gedrückt und mein Ausweis wurde neu ausgestellt. Ich bin als Einwohner gemeldet worden und den Sack voll Geld, den Thomas in den Jahren zuvor an uns verdient hat, steckte er in den Club, in unsere Wohnungen und in das Image, das aus dem Black Stage eine Goldgrube machte.“

Chris fährt sich über sein Gesicht, ich weiß, dass er immer noch weint. Leise und still. Seine Stimme klingt alles andere als fest. Bin mir dennoch sicher, dass er noch nicht fertig ist. Noch keine Reaktion von mir erwartet. Zum Glück! Ich glaub, ich raste gleich aus. Dass ich mich komplett verspannt hab, ihn nicht mehr kraule, wird er bereits gemerkt haben. Gerade, als ich dann doch was sagen will, spricht er weiter.

„Kira, ein paar andere und ich haben nebenbei einen Schulabschluss gemacht und Thomas unterstützt, einen Hilfe-für-Straßen-Kids e.V. zu gründen. Diesen Verein gibt es noch immer und er hält einen Fonds, der schwerer wiegt, als der Wert unserer beiden Behausungen zusammen. Es gibt sogar eine Einrichtung dazu, die von zwei Frauen, Sozialarbeiterinnen, geleitet wird. Ich weiß, es ist widersprüchlich, aber das zeigte uns, dass auch er an seinen Aufgaben gewachsen ist und sie mit der Zeit mit anderen Augen wahrnahm.“

Soll mich das jetzt positiv stimmen? Verdammt noch mal! ich fühle mich hilflos wie lange nicht mehr. Was soll ich sagen? Was? Oar …

„Mach es uns nicht kaputt, hörst du?“ Seine Stimme versagt, er schluchzt erneut auf und … dreht sich dann von mir weg. „Du solltest jetzt wirklich langsam aufstehen und deinen Arbeitstag beginnen.“

Ich fühle mich überfahren. So leer, wie lange nicht mehr. Es ist nicht das schwarze Loch, das mich seit drei Jahren bewegungsunfähig macht, es ist eher eine grundlegende Leere. Der Irrsinn ist kaum greifbar, der mir gerade mal eben so, nach einem verdammt heißen Fick, bis in die Eingeweide zieht. Gooott, Chris. Shit!

Ich … fühle mich hin- und hergerissen. Entzwei geteilt. Ich bin Jurist, ich … bin aber auch sein Dann-und-Wann-Partner. Chris zuckt zurück, als ich mich zu ihm hindrehe und meine Hand an seine Wange heben will.

„Geh, Cameron!“

„Chris, ich …“

„Geh!“

Das war deutlich. Ich bin nicht erwünscht. Chris möchte mich nicht bei sich haben, alles alleine durchstehen. Obwohl … so ein bisschen kann ich es auch verstehen.

Zuerst mal duschen. Meine Wut schüren. Meinen letzten Funken Verstand irgendwo ausgraben, der sich seit Chris’ Ankunft irgendwie verdünnisiert hat. Es muss doch möglich sein, meine hochkochende Gefühlswelt irgendwie zu ordnen. Gegen die Kacheln der Wand zu schlagen, das lasse ich dann doch lieber sein. Reicht ja, dass der eine Arm in Folie verpackt ist, damit der Gips nicht durchweicht.

Ich hätte ihn gerne umarmt. Hätte so gerne mehr Zeit gehabt für ihn, aber die hab ich heute nicht. Gerade heute nicht! Fuck, ehrlich wahr! Verfluchte Scheiße!

Wieso kommt er jetzt damit an, wieso … Weil er es weiß. Weil ich ihm erzählt hab, dass ich einen Gerichtstermin am Morgen wahrnehmen muss. Weil er nicht will, dass ich Zeit für ihn hab, um seine Offenbarung Stück für Stück auseinanderzunehmen und er seine Seele noch weiter vor mir bloßlegen muss. So von Auge zu Auge. Er wird dennoch nicht drum herumkommen. So einfach geht es dann doch nicht. Ich kann das nicht hinnehmen. Was hat er gedacht?

Pruuu … Gleich drehe ich durch. Und ich bringe seine verseuchte, verstrahlte Mutter um, wenn ich die jemals zwischen die Finger bekommen sollte. Es ist so grundfalsch gelaufen. Und … so ungerecht. Und … es schmerzt. Gibt mir im Gegensatz zu den letzten Wochen auf einmal ungeahnte Kräfte, die ich lange verloren glaubte. Meine Wut muss raus. Irgendwie und … Lieb dich, Chris. Mir ist es nicht egal, wenn du einfach mal so aus der Tür spazierst und nie wieder auftauchst.

Für den Arbeitstag in der Kanzlei fertiggemacht, treffe ich ihn halb nackt im Wohnraum an. Mich hätte es nicht gewundert, wenn er gar nicht mehr da gewesen wäre. Ohne Abschied. Aber er steht da, mit einer Kippe zwischen den Lippen, den Rücken mir zugewandt und die Hände in die hinteren Taschen seiner Hose gesteckt. Ich weiß nicht, ob er mich kommen hört. Er reagiert nicht mal dann, als ich ihn leise anspreche.

„Danke, dass du es mir erzählt hast.“ Das ist dummerweise das Einzige, was zuerst aus mir raussprudelt und Chris rührt sich immer noch nicht. Nur die Schultern sacken ein Stück weit nach unten. „Können wir uns heute Nachmittag unterhalten, Wolf?“

„Nicht darüber, Cameron. Und du wirst nichts unternehmen. Ich hoffe, das ist bei dir angekommen!“

„Wie meinst du das?“

„Lass die Finger von Thomas und lass die Finger vom Black Stage. Es geht dich nichts an.“

Er dreht sich zu mir und seine Miene ist … verschlossen. Alles weg, was wir noch vor einer halben Stunde geteilt haben und meine Wut wächst weiter. „Wieso erzählst du es mir, wenn es mich nichts angeht? Ich bin Anwalt, verdammt noch mal. Wie soll ich ruhig bleiben, wenn ich solche Dinge erfahre?“

„Ist das das Einzige, was in deinem Anwaltskopf hängen geblieben ist?“

Was meint er?

„Schon klar, nicht wahr, Cameron? Soviel zum Thema: Vertrau mir! Ich hätte es wohl besser wissen müssen.“

„Verdammt, Chris! Natürlich tut mir das Kind leid, das du mal warst, wenn du darauf ansprichst. Was willst du von mir hören? Das ich dich bedauere? Bedauere für das, was vor vielen, vielen Jahren in deiner Kindheit passiert ist? Mache ich, wenn du mich lässt. Aber ich ahne, dass du es nicht zulassen wirst. Wir können darüber reden, aber es ändert nichts an der Vergangenheit. Chris … was dir passiert ist, ist kein Alltagsbrei. Weder die Sache in deiner Kindheit, noch die Sache in deiner Jugend. Aber Fakt ist und bleibt, dass Thomas sich strafbar gemacht hat. Und das vermutlich in vielen hunderten von Fällen.“

Ich werde richtig laut. Kann auch nicht mehr wirklich an mich halten, weil ich sehe, wie Chris auf Gegenkurs fährt. Und ich … versteh’s nicht. Eigentlich schon, weil es ist Chris’ Leben, Chris’ Vergangenheit. Wer weiß schon, ob er hier und heute vor mir stünde, wenn Thomas ihm keine Richtung gegeben hätte? Wer weiß schon, was aus meinem Raubtier ohne diesen … Pruuu … Mann geworden wäre? Ein Junkie? Ein Fixer? Ein vereinsamter Junge, der mutterseelenallein in irgendeinem Drecksloch an irgendeiner Dreckskrankheit verreckt wäre? Aber … ich hab kein Herz für Zuhälter und ihre trostlose Geldbörse. Hab ich einfach nicht! Und, gottverdammt, ich weiß, dass ich es lernen muss. Denn das sehe ich Chris gerade mit Erschrecken an. Ich werde lernen müssen, die Füße stillzuhalten, das Denken abzustellen … nicht Herr und Richter über seine Vergangenheit zu werden. Wächter wäre ich gerne gewesen – möchte es jetzt sein.

Ich will dich nicht verlieren, hörst du? Wir kriegen das hin. Gemeinsam! Bin bei dir. Werde, wenn du es zulässt, ab heute immer bei dir sein, Chris.

Langsam gehe ich auf ihn zu und Chris weicht zurück.

„Lauf nicht weg vor mir, du hast es versprochen!“

„Gehört das zu deinem Spiel?“

Wie gelähmt bleibe ich stehen. Beobachte ihn. Seine wunderschönen Augen, die gerade nicht mehr vor Wohlgefühl funkeln, sondern vor … uhm … Furcht? Aber das will er sicher nicht hören. „Es sind immer noch deine Spielregeln, Christopher. Ich hab mich nur bemüht, die Grenzen ein wenig durchlässiger zu gestalten und hab sie noch ein wenig ausgedehnt“, höre ich mich da leise sagen und drehe mich weg. Ich brauche Abstand. Gehe davon aus, dass er den jetzt auch mal kurz braucht. Verlasse das Haus, ohne Kaffee wohlgemerkt, und hör’s scheppern, kaum, dass die Tür hinter mir ins Schloss fällt. Mach nur, Wolf. Später reden wir. Ich lasse dich nicht alleine. Jetzt erst recht nicht, hörst du?

Um halb sechs ist Feierabend bei mir. Langer Tag und wenig erfolgreich. Es war das erste Mal vor Gericht, dass ich verloren hab. Weil meine Gedanken nicht da waren, wo sie hingehört hätten. Verloren hab ich natürlich schon manchmal, aber da war’s auch … verdient. Mein Blick schweift, wie schon am Abend zuvor, kurz durch’s Erdgeschoss meines Hauses. Mögliche Schäden visuell erfassen, doch ich finde keine vor.

Ich bin müde. Ausgelaugt. Fertig mit den Nerven. Hab den ganzen Tag nach der Verhandlung in meinem Büro gesessen und über Chris nachgedacht.

Zuallererst greife ich dann doch nach den Kippen, setze mich an die Bar und … Wo ist der Ascher? Ich finde ihn nicht. Auch gut! War wohl das Opfer. Sehe nur, dass die Palme irgendwie … merkwürdiger aussieht als vorher. Dreckiger. Grau gesprenkelt und … als ich sie aus der Nähe betrachte, finde ich noch eine Kippe in der verdorrten Erde des Topfes.

„Vielleicht hilft ja Asche, was? Damit du wieder fit wirst“, spreche ich die vertrocknete Pflanze an und zerknülle eines der Blätter laut knisternd in meiner Faust.

Aus dem Küchenschrank organisiere ich einen neuen Aschenbecher und setze mich dann doch. Starre das Foto an, das noch nie da stand und … mir wird gerade so richtig schön warm. Es ist ein Foto von meiner Ma und mir nach meinem Examen, welches normalerweise im Wohnraum steht. Sie strahlt wie tausend Sonnen gleichzeitig neben mir in die Kamera. Am Rahmen hängt ein Memo, das kenne ich noch nicht. ‘Ich vertraue dir, Cameron. Ich erkenne Liebe, wenn sie so aus den Augen raussprüht, wie bei dir!’

Gooott, Chris. Du machst mich duselig. Aber gut! Kannst du haben. Kannst du alles haben, nur keinen Schritt zurückgehen. Das lasse ich nicht zu.

Kurzerhand hole ich mir einen Stift und greife mir das grellgelbe Blatt. Kritzle, meine Handschrift in allen Ehren, noch was dazu. ‘Ich erkenne Liebe auch, wenn sie aus einem spricht. Hab da was bei dir gesehen … Lieb dich, Chris. Mein einsamer Wolf!’

Davon mache ich ein Foto und schicke es Chris per WhatsApp. Soll er mal ein bisschen grübeln, denke ich mir und lade wenig später die Archiv-Datei der Kanzlei auf meinem Laptop hoch. Ein bisschen Recherche betreiben. Es gibt da was, das mich auf einmal wirklich brennend interessiert.

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Bericht Re: Duits | Eigentlich ... door Redactie » woensdag 19 augustus 2015 14:47

22.


Ich mag seinen Anblick. Könnte stundenlang hier stehen und ihn einfach genießen. Das Raubtier schläft noch. Regungslos und tiefenentspannt, würde ich jetzt behaupten. Mittlerweile liegt er mittig auf dem Bett. Ohne ihn aufzuwecken, lehne ich mich über ihn und drücke einen Kuss auf sein Schulterblatt, bevor ich meinen Arbeitsweg antrete. Irgendwann ist er mitten in der Nacht zu mir gekommen. Unaufgefordert, aber natürlich immer willkommen. Ich war ein bisschen überrascht, als er zu mir unter die Decke gekrochen kam und mich dadurch geweckt hat. Dann ist er eingeduselt, nachdem er mir ein paar Küsse zur Begrüßung in den Nacken gedrückt hatte. Hat sich in seinem komatösen Zustand ausgestreckt und sich halb auf meinen Rücken gebettet, bevor ich mich dann doch auf selbigen drehte und ihn noch ein bisschen näher an und auf mich gezogen hab. Ich glaub, er hat’s nicht mal mehr mitgekriegt. Und diese Position hat er auch nicht verändert. Nicht mal dann, als ich mich unter ihm rausgeschafft hab, um den Tag zu beginnen. Ich frag mich an diesem Morgen nicht das erste Mal, ob ich wissen will, wieso er mal wieder so grandios erschöpft ist.

Es stört mich ja eigentlich nicht. Wer Schlaf braucht, muss ihn sich holen. So ist das! Und Chris braucht den dringend. Und wenn er den eben bei mir findet, dann … Ja, dann gerne! Weiß nicht mal, wie spät es heute Nacht eigentlich war. Aber ich mache mir Sorgen um ihn. Jetzt schon! Darf gar nicht an die nächste Zeit denken.

Ein bisschen ärgere ich mich ja schon über mich selbst. Chris will nicht, dass man sich um ihn sorgt. Der will vermutlich nicht mal, dass man ihn darauf anspricht. Aber immerhin kommt er zu mir. Das ist schon ein schönes Gefühl. So ein richtig schönes, um es genau zu nehmen.

„Lieb dich, Chris“, murmle ich noch und verlasse das Haus. Der Weg zur Arbeit zieht sich elend hin. Heute Nacht hat’s geschneit. Ein bisschen viel vielleicht, weil der gemeldete, aber ausgebliebene Schnee vom Vortag auch noch mit runterkam. Die Idioten vor mir führen sich allerdings auf, als wär’s ein Weltuntergang. Und der Depp hinter mir hat die Hupe zum Dauereinsatz verdonnert. Arsch, ehrlich wahr! Der kann froh sein, dass ich gerade mal keine Zeit für den hab.

Aber für Uli! Für den hab ich gleich jede Menge Zeit. Und er wird sich nicht einfach dünn machen können, denn Termine hat er heute Vormittag keine. Mit Ausreden braucht er also nicht kommen. Mein Partner!

Ein leises Knurren entkommt mir, denn vor mir wird mal wieder mehr gebremst als gefahren und ein Blick in den Rückspiegel sagt mir, dass die Front vom Hintermann verdächtig nah an mein Heck drankommt. So nah, dass ich die Scheinwerfer nicht mehr sehe.

Wehe! Ich warne dich! Der Aufprall bleibt aus. Glück für dich, Junge!

„Du hast Zeit, ja?“, begrüße ich Uli eine halbe Stunde später in seinem Büro und ziehe die Tür lautstark hinter mir zu. Er zuckt kurz zusammen und brummelt mich an. Leider fängt er sich dann doch recht schnell wieder. Schade eigentlich!

„Guten Morgen! Das wäre die schönere Begrüßung gewesen, Cameron. Auch du wirst es irgendwann noch mal lernen.“ Er nickt mir grimmig zu, beobachtet mich, als ich auf seinen Schreibtisch zulaufe und zieht dabei die Lesebrille von seiner Nase.

„Glaub, mich erziehst du nicht mehr, Uli. Beschwer dich bei meinen Eltern.“

„Bist du gereizt?“

„Weiß nicht. Sag du’s mir“, schnauze ich los und bin gleich in meinem Element. „Wo sind die Akten vom Black Stage?“

Verwirrt blickt er mich an, bevor die Info, die er gerade am Verarbeiten ist, sich auch in seiner Mimik widerspiegelt und eine nicht ganz so schöne Blässe mit sich zieht.

„Was für Akten?“

HA-HAHAHA!

Jetzt rede dich auch noch raus, oder was? Oar …

„Was für Akten?“, äffe ich ihn nach. „Sämtliche Akten meine ich. Ich weiß, dass unsere Kanzlei schon etliche Fälle fürs Black Stage übernommen hat. Vorzugs- und idealerweise warst du federführend. In der Archivdatei kann ich nichts finden. Also? Wo sind die Akten hin? Und Uli, verarsch mich nicht! Ich stehe gerade nicht so auf Spielchen.“

„Es gibt keine Akten, Cameron! Und jetzt komm mal ganz schnell wieder runter“, antwortet Uli schmallippig und zieht die Brauen zusammen. „War’s das jetzt?“

„Nein! Ganz sicher nicht. Wo sind die Akten?“

Uli lehnt sich mit verschränkten Armen zurück in seinen Proletenstuhl und mustert mich, als käme ich gerade von einem anderen Stern. Genau in der Sekunde, wo’s mir echt langsam zu bunt wird, deutet er mir dann, auf seinem Besucherstuhl Platz zu nehmen. Schweigeminute und Kräftemessen scheinen vorbei. Geht doch! Ehrlich wahr!

„Setz dich, Cameron. Ich dachte mir schon, dass du bald damit ankommst. Dann klären wir das eben heute. Und für alle anderen, die jemals danach fragen sollten: Es gibt keine Akten. Die Akten sind unter Verschluss. Nicht existent, wenn du so willst. Sie haben nichts mit der Kanzlei zu tun und wurden privat abgerechnet.“

„Uli, das ist …“

Doch Uli hebt die Hand. Nickt wissend und setzt sich die Brille wieder auf seine Nase. Schließt einen der Aktenschränke auf, die an der Wand seines Büros stehen und zieht zwei Hängeordner heraus. „Das ist Vertuschung, ja! Und du musst noch viel lernen, Partner! Heute Mittag gehen wir essen! Lass dir von Marie-Claire zwei Stunden freischaufeln und einen Tisch in den Mansarden reservieren!“

Jetzt grinst er so richtig dreckig, bevor er noch einen drauf setzt. „Da warst du letzte Woche erst mit dem Herrn Gasser, richtig? Mir war klar, dass du früher oder später anfängst Fragen über das Black Stage zu stellen. Spätestens, seit Thomas mir sagte, dass du mit Herrn Gasser per Du bist. Was läuft da zwischen euch, hm?“

Jetzt bin ich platt. Ehrlich wahr! Ich war ja schon auf eine Diskussion gefasst, aber das hier wird mir gerade unangenehm privat. Eigentlich möchte ich nicht darüber reden. Das geht Uli nichts an. Mir fehlen tatsächlich die Worte und ich glaub, da macht sich auch wieder ein bisschen der böse Blick bemerkbar. Ich fixiere Uli mit den Augen, dessen Mundwinkel dämlich zucken und der schon wieder stressless in seinem furchtbar hässlichen und obendrein unbequemen Stuhl thront.

„Ist eure Bekanntschaft eher privater Natur, oder bist du Kunde mit gewissen Vorzügen, sodass der Herr Gasser dich auch außerhalb des Black Stage … nun ja … sagen wir… unterhält?“, hilft er mir auf die Sprünge und ich muss gerade ernsthaft überlegen, was der Thomas dem Uli gesagt haben könnte. Sah das so aus, als hätte ich mir, privilegierter Kunde der ich bin, im Büro des Black Stage von Chris einen blasen lassen? Das war doch deutlich privat. Ist Thomas blind, oder was? Oder taub vielleicht?

Und vor allem würde mich ja mal interessieren, was Chris seinem Chef über uns erzählt hat. Wenn’s nach seinen Regeln geht, dürfte er ja nicht allzu viel geplaudert haben. Weil eine Beziehung, nach seiner Dann-und-Wann-Regelung, ist’s ja nicht unbedingt. Und eine normale Freundschaft ist’s ja eigentlich auch nicht. Echt verzwickt, aber ich wäge ab und komme zurück auf Möglichkeit Nummer zwei.

„War mal Kunde“, sage ich lahm. „Man kennt sich halt.“

Uli lacht auf. Leise und wissend. „Dachte ich mir. Ihr passt gut zusammen, du und der Callboy. Chris hat genauso konfuse Gedanken wie du und Gleich und Gleich gesellt sich gerne, nicht wahr? Er hat Thomas nämlich exakt die gleiche Antwort gegeben. Und rein optisch gesehen, wärt ihr wohl auch ein ansehnliches Paar.“

„Rein optisch?“, hake ich monoton nach. Eigentlich interessiert mich Uli’s Meinung ja überhaupt nicht.

„Na ja“, druckst er da auch gleich rum. Eine Antwort hab ich an dieser Stelle allerdings nicht erwartet. Will auch gar keine. Eigentlich … nicht, nein! Denn alles, was Uli jetzt sagen könnte, lässt mich vermutlich gleich platzen. „Na ja“, beginnt er erneut. „Eine Beziehung mit einem Callboy ist ja nicht gerade Mainstream, was?“

„Mainstream?“ Mein Kinn klappt mir nach unten. Boah… Jetzt bin ich platt. Mir fällt vermutlich erst mal alles aus dem Gesicht, bevor ich mich sammele und Uli zurechtweisen kann. „Aber es ist Mainstream, wenn man eine Mutti zu Hause sitzen, ihr ewige Treue geschworen und noch zwei Kinder gemacht hat? Sich dann aber, wie oft auch immer, von einer männlichen Hure befriedigen lässt, weil die Herzdame zu Hause es einfach nicht bringt? Willst du mir wirklich weismachen, dass das salonfähiger ist, als eine Beziehung zu einem Mann, der seinen Lebensunterhalt eben nicht ganz Mainstream verdient? Eine Beziehung, die dafür auf Ehrlichkeit aufgebaut ist? Eine, wo man sich nicht selbst jahrelang verleugnen muss und hunderte von Scheinen für eine Stunde Befriedigung latzt? Zahlst du Chris denn überhaupt was, oder ist das schon wieder zu Mainstream, Uli? Eine Dienstleistung zu bezahlen, die man in Anspruch genommen hat, hm?“

Boah … ich muss mich am Riemen reißen, ich … Uli fehlen die Worte. War er eben noch blass, ist er gerade kalkweiß geworden. Doch ich kann nicht … es muss einfach raus. „Du bist der Anwalt für das heiße Pflaster des Black Stage und Chris zahlt deine Gefälligkeiten in natura ab, oder was? Zu viert bucht ihr, ja? Wer steckt noch dahinter? Sag’s mir, Uli! Der leckere Arzt mit dem süßen Hintern, der im Erdgeschoss dieses Gebäudes seine Praxis hat und mit seinem neckisch engen Kittel schwuler als alle Schwulen der Stadt zusammen aussieht? Wer noch? Direktor Schieß-mich-tot von der ortsansässigen Bank? Nein, warte, lass mich raten. Vom Gewerbeamt sitzt auch noch jemand mit in der Runde, ja? Oder vom Gesundheitsamt? Das würde ja passen, was? Vielleicht auch das Bauamt? Damit das Black Stage da bleiben kann, wo es ist. Am Rande der Unerträglichkeit für so Mainstream-Gentlemen wie ihr es seid.“

Ich ende so abrupt, wie ich angefangen hab. Hole einmal tief Luft. Das war … krass. Selbst mein Mund bleibt offen stehen und ich bekomme keinen weiteren Ton mehr heraus. Meine Hände verschränke ich sicherheitshalber. Die zittern nämlich ganz schön. Und Uli sagt auch nichts. Ganze fünf Minuten lang nicht. Ich wundere mich, dass noch kein Dampf aus ihm rauskommt. Doch plötzlich, aus heiterem Himmel, beginnt er zu schmunzeln. Krass! Er schmunzelt wirklich und muss sich das laute Lachen ganz schön verkneifen.

Ey, ich hab dich eben aufs Übelste beschimpft!

„Bist du fertig, Herr Anwaltsnotar Anderson? Dein Chris Gasser bekommt seine Runden bezahlt. Beruhigt dich das? Er bekommt genau den Preis, den er dafür festgesetzt hat. Und er könnte noch mehr nehmen, denn er ist verdammt gut und es bleiben keine Wünsche offen, aber das weißt du ja sicher selbst. So als Kunde, nicht wahr?“ Seine Augenbraue wandert spöttisch nach oben und diesmal ist es Uli, der kein Ende bei seinem Monolog finden kann. „Du hast Recht, der Arzt ist dabei. Ein Abteilungsleiter, Martin Kaiser, vom Gewerbeamt ebenfalls. Und mit der Bank hast du es auch getroffen. Eigentlich sollte ich jetzt überrascht sein, bin es aber nicht. Du bist ja nicht umsonst Partner in meiner Kanzlei geworden. Da du ein ziemlich kluger Kopf bist, der sich niemals etwas vormachen lässt, nicht wahr, Cameron? Aber du schießt gerade weit über dein Ziel hinaus! Seit Wochen eigentlich schon.“

Uli betrachtet mich prüfend, hebt aber die Hand und spricht einfach weiter, gerade, als ich zur Verteidigung ansetzen will. „Verstehe das jetzt bitte nicht als Warnung, Cameron, sondern als Botschaft. Ab Januar weht im Black Stage ein anderer Wind. Thomas wird dann raus sein und Dr. Bayer ist schon vor Wochen ausgestiegen, daher hat der junge Arzt von unten, Dr. Andreas Krawitz, diese Lücke gefüllt. Ich werde auch aussteigen, denn wenn alle Alten das Feld räumen, möchte ich nicht als letzter Greis die Runde auffüllen. Aber dazu braucht es fähige junge Leute, die nachrücken können und keine klaffenden Lücken hinterlassen. Sie müssen zuverlässig und offen für ein Gewerbe wie das Black Stage sein. Verschwiegenheit ist das A und O und man sollte bereit sein, sich auch mal am Rande der Illegalität zu bewegen. Ich mache mir seit Wochen Gedanken darüber, ob du dafür geeignet wärst, meine Nachfolge anzutreten. Daher hast du auch die Clubübernahme auf den Tisch bekommen.“

Meine Augen werden zu Schlitzen. Ich hab mich gerade verhört, oder? Das war alles geplant? Krass … „Uli, ich …“

„Warte, bis ich fertig bin“, fährt er mir dazwischen und ich glaub, ich halt jetzt wirklich lieber den Mund. Was Uli alles von sich gibt, ist tatsächlich höchst interessant. Geht doch! Man muss eben doch ab und zu mal auf den Tisch hauen.

„Marie-Claire konnte nicht wissen, dass die Übernahme bei Gregor nichts zu suchen hat, daher habe ich angeleiert, dass es dann doch auf deinen Tisch kam. Die Erstberatung, du erinnerst dich sicher. Am Ende hast du es ja dann leider erfolgreich von dir geschoben. Ich hoffte, es sei die Gelegenheit, dass du Herrn Gasser kennenlernst. Das ging dann wohl gründlich daneben oder besser gesagt, die Kennenlernphase war nicht mehr nötig, denn ihr habt euch ja schon weniger bekleidet gegenüber gestanden. Während du also Urlaub auf Hawaii gemacht hast, weiß Gott warum, habe ich den Vertrag geschrieben und Gregor hat sich mehr oder weniger durch die Fragen gequält, die dein Herr Gasser da zu Recht gestellt hat. Dass es um einen Sexclub ging, fand Gregor vermutlich nicht so prickelnd. Und Herr Gasser hatte ziemlich spezielle Fragen, wie du dir sicher vorstellen kannst. Ich bin mir nicht mal sicher, ob Gregor die überhaupt alle beantworten konnte, aber das wirst du besser wissen, nicht wahr? Also, konnte er?“

„Ich … glaube nicht“, murmle ich und eigentlich … gastiert mein Inputvolumen gerade am Limit. Ich bin geflasht. So richtig! Und verstanden hab ich auch nicht unbedingt alles.

Uli hält mich mit einem väterlich wissenden Blick zurück, als ich aufstehen möchte. Ich mag den Blick nicht. Außerdem ist der vom Oberboss reserviert. Dennoch bleibe ich sitzen.

„Wärst du denn bereit, die Juristenlücke zu füllen, die durch meinen Ausstieg entstehen würde?“

Ich … weiß nicht. Nein, ich … „Hat das nicht der Herr Gasser zu entscheiden?“

„Prinzipiell kann Chris ab Januar machen, was er möchte. Thomas und ich wollen es aber gerne sicher übergeben. Was Herr Gasser daraus macht, liegt dann nicht mehr in unserer Hand. Also?“

Woah … Das ist zu viel! Viel zu viel! Verstanden hab ich es immer noch nicht. Wirklich erklärt hat Uli aber auch nichts, oder? Letztendlich stehe ich doch noch auf und greife mir die beiden Ordner, auf die Uli ziemlich rasant die Hand drauf hält.

„Wenn du mich anwerben willst, Uli, dann entscheide ich das anhand dieser Akten und nicht anhand der Bitte meines Partners. Verstanden?“ Uli zögert, nickt dann und gibt die Akten frei.

„Ich erwarte morgen deine Antwort.“

„Morgen schon? Warum die Eile?“

„Ich möchte die anderen Mitglieder der Runde informieren. Thomas vorneweg. Und am Samstag haben wir die Lounge gebucht. Zum Glück haben wir so kurzfristig noch einen Termin bekommen. Der gute Herr Gasser ist ja völlig überbucht, seit bekannt ist, dass er ab Januar kürzer treten wird.“

„Und was willst du mir jetzt damit sagen?“

„Dass du mitkommen wirst. Wir haben vorneweg unsere Treffen. Zusammensitzen, Aktuelles besprechen, einen Trinken. Gerne auch mal zwei und der Ausklang ist in der Lounge. Wenn du einsteigen willst, wirst du mitkommen.“

Ich blinzele heftig. Atme hektisch und weiß jetzt schon, dass ich das nicht kann.

Ich. Kann. Das. Nicht. Fuck! Fuck, Fuck, Fuck!

Wenn Chris mich dort sieht – sitzend in der Lounge, um seiner verfickten Show beizuwohnen – dann bringt er mich entweder um, zerbricht daran oder … ich zerbreche, weil er mich hochverdient einfach für den Rest seines Lebens ignorieren würde.

Holy shit! Zurück in meinem Büro bebe ich. Greife mir verzweifelt in die Haare und starre die Akten so lange an, bis sie eigentlich in Rauch aufgehen müssten. Was mache ich hier nur? Fuck, ehrlich wahr! Ein riesengroßes Dilemma ist das!

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Bericht Re: Duits | Eigentlich ... door Redactie » woensdag 19 augustus 2015 14:48

23.


Um elf Uhr abends höre ich meine Haustür ins Schloss fallen und ich muss gestehen, ich bin mächtig erstaunt. Schaue von dem Stapel Akten hoch und Chris taucht im Türrahmen auf.

„Hi!“

Trotz Verwirrung schaffe ich dennoch ein Lächeln. Es ist eben Chris. Wenn ich Chris sehe, bleibt mir gar nichts anderes übrig, als meine Zuneigung zu ihm zu bekunden. Ganz aus der Gewohnheit heraus, schlage ich bei dieser doch recht schönen Ablenkung die Akte zu, die ich gerade am Durchlesen war. Mitleser braucht man nie und es ist einfach ein Automatismus in mir, alles zu schließen, das neugierige Augen anziehen könnte.

„Hi“, murmelt er zurück. Steht immer noch ein bisschen unschlüssig im Rahmen der Tür herum, der Süße. Die Hände in den Taschen einer krass abgetragenen Hose vergraben. Der Bund ist so weit nach unten gerutscht, dass der Saum der Jacke nicht lang genug ist. Ich ahne, was ich ertasten würde, wenn ich jetzt die Hände unter den Winterparka schiebe. Ein paar vor sich hinschmelzende Schneeflocken befinden sind auch noch in seinem Haar, das er heute irgendwie ziemlich zerstört hat. Und müde sieht er immer noch aus.

„Hast du nicht ausgeschlafen, Chris?“, frage ich auch gleich mal nach, denn es ist mir ein Rätsel, wieso er täglich an Energie zu verlieren scheint.

„Bis acht!“

„Das ist nicht lang, wenn man nachts erst ins Bett fällt.“

„Es war mir nicht mehr warm genug, nachdem du aus dem Haus gegangen bist.“

Uhh … dafür wird mir gerade Mal so richtig krass heiß. Die Anspannung, die schon den ganzen Tag auf mir lastet, fällt auch von mir ab. Da spricht so viel aus seinem Blick. So super viel und ich verstehe nicht, dass er es immer noch leugnet. Gooott, Chris. Ich … lieb dich. So sehr!

„Ich habe zwei Dinge vergessen!“

Langsam aber geschmeidig kommt er auf mich zu. Callboy und Raubtier in einem. Ich brenne innerlich auf. Mein Muskel springt im Dreieck und …

Ich will dich. Am liebsten sofort!

Ein bisschen in Zweisamkeit baden, bevor die Realität mich wieder fängt und …

Ich will dich einfach, weil du du bist.

„Vergessen?“, bringe ich etwas stockend hervor. Überlege noch, ob ich etwas hab liegen sehen, doch da legt er mir schon den Schlüssel vor die Nase und zieht seine Hand rasch zurück. Was? Waaaas?

„Das ist nicht dein Ernst, Chris! Was soll das?“ Jetzt bin ich durcheinander. Ich versteh’s nicht. Und … ich hätte nicht gedacht, dass so eine beschissene Geste so … krass wehtun kann. Dort in der Herzgegend!

Game over! Aus und vorbei!

Ich starre erst den Schlüssel und dann wieder ihn an, als würde ich nur darauf warten, dass er sich umdreht und ohne weitere Worte das Haus einfach verlässt.

„Ich war mir nicht sicher, ob es nur eine Leihgabe war“, murmelt er dann und … da ist eine greifbare Erleichterung in mir, die meine Anspannung Stück für Stück auflöst. Eine Leihgabe? Spinnt Chris, oder was?

„Wenn du den Schlüssel jetzt dort liegen lässt und nicht sofort wieder einsteckst, dann werde ich ihn dir nicht mehr anbieten.“

Oar … Ich … Was zur Hölle soll das, hm? Nimm jetzt den verfluchten Schlüssel und stecke ihn ein, klar?

Mein Puls ist viel zu hoch. Ich … beobachte ihn. Und werde beobachtet. In Zeitlupe greift er nach dem Schlüsselbund und steckt ihn wieder in seine Tasche und … ist ganz schön unruhig dabei.

„Chris? Es tut mir leid, dass ich gestern so wütend war über das, was du mir erzählt hast.“ Das musste jetzt irgendwie aus mir raus. Seit gestern Morgen haben wir kein Wort mehr miteinander gewechselt. Aber immerhin: Die Nacht haben wir zusammen verbracht. Schlafend!

HA-HAHAHA!

Ich drehe echt bald am Rad. Doch Chris nickt nur auf meine Entschuldigung hin. „Ist es jetzt gut?“

„Gut? Ich … Nein! Ja! Nein, nicht ganz! Ich hab da ein paar Fragen. Aber … ich hab dir auch versprochen, dass du so viel Zeit bekommst, wie du eben brauchst.“

„Aber nur solange, bis du nicht mehr kannst, richtig? Wann wird das sein, Panther? Glaubst du, ich bin dann schon so weit, bevor du … mich irgendwann aufgibst?“

„Schaffe das schon, Chris“, nuschle ich und bin mir nicht sicher, ob das nicht eine schamlose Lüge ist. Wenn ich in mich reinhorche, wühlen ja immer noch tausend ungeordnete Empfindungen in mir rum. Und um was geht’s hier eigentlich? Nur noch um seinen Job? Um seine Gefühle, die er sich selbst nicht zugestehen will? Oder um das Black Stage und die tausend Rätsel, die mich da scheinbar magisch anziehen?

„Musst du nicht arbeiten?“, fällt mir da auch mal nebenbei ein.

„Später. Ich habe heute keine Show, denn Noah hat zwei Buchungen. Live-Training, sozusagen. Lounge 1 ist also besetzt. Ich fahre erst um eins zu seiner zweiten Runde raus und schaue mir das an.“

Aha! Wow! Azubi wird auf die Menschheit losgelassen, oder was? Aber ich weiß es doch eigentlich besser. Katerchen Noah muss nichts mehr lernen. Der hat seinen Job schon damals ziemlich gut beherrscht.

„Chris …“ Ich sollte den Mund halten. Besser wäre das, aber … „Wieso nimmst du eigentlich weiterhin Buchungen von Uli an?“ Diese Frage brennt mir auf der Zunge, seitdem ich Ulis Büro am Vormittag hinter mir gelassen hab. Es nagt an mir und … es trifft mich wirklich hart.

„Man beißt nicht die Hand, die einen füttert!“, antwortet er da aber prompt.

Arsch, ehrlich wahr! Formuliere ich es halt anders. Ich kann das. Bin Anwalt. Schon vergessen, oder was? Ich stelle die Frage noch auf fünf andere Arten und zwar so lange, bis ich eine Antwort darauf bekomme.

„Wieso lässt du dich ausgerechnet von Uli füttern? Du hast doch genügend Kunden. Muss es ausgerechnet mein Chef, besser gesagt, mein Partner sein?“

„Du weißt also, dass er für Samstag gebucht hat?“ Chris nickt wissend und schleicht um den Tresen herum, auf mich zu. „Man hackt die Hand nicht ab, die einem hilft!“

„Mann, Chris, ich …“

Aber … es war ja eigentlich eine Antwort. Und was diese Antwort inhaltlich bedeutet, dass liegt vor mir auf dem Tresen. Verpackt in zwei Hängeordnern und gezählten achtzehn Akten.

Chris stellt sich hinter mich, lehnt sich an mich. Seine Stirn an meinen Hinterkopf und seine Arme umfangen mich. Ich merke, wie er bebt, sich schon beinahe verzweifelt an mich drückt, und … vermutlich sind seine Augen geschlossen. Seine Lippen ein Strich.

Dir geht’s nicht gut, einsamer Wolf. Ich merke das!

„Tut mir wirklich leid, Chris. Ich war wohl zu schnell!“

„Sag’s mir noch mal, ja?“, bittet er leise und schiebt seine Nase, seine Lippen in meine Haare. Nimmt einen tiefen Atemzug und drängt sich noch enger an mich.

„Tut mir leid!“

„Nein, nicht das. Das andere, ja? Bitte“, flüstert er heiser. „Ich möchte es so gerne noch mal hören!“

Was? Was meint er? Was … Und eben fällt mir ein, was er wohl hören möchte. „Lieb dich, Chris. Mehr, als gut für mich ist! Um diesen Satz brauchst du mich nicht zu bitten.“

Ein leises Gemurmel dringt an mein Ohr. Eine Erwiderung? Ich … möchte noch mal nachhaken, doch Chris lässt mich los. Läuft Richtung Treppe und verschwindet im oberen Stockwerk. Er hat mich überrollt. Und ja, ich geb’s zu, ich bin auch nicht allzu schnell um diese späte Uhrzeit. Bis ich wieder klar denken kann und aufstehen will, um ihm zu folgen, kommt Chris allerdings zurück. Zieht mich vom Hocker und drückt sich von hinten an mich ran. „Ich brauche dich, Panther!“

Zwei Kondome und eine Tube Gleitgel landen neben der zuletzt gelesenen Akte und schon sind seine Hände auf mir unterwegs. Beginnen meine Krawatte zu lockern und die Knöpfe meines Hemdes mit geschickten Fingern zu öffnen.

„Immer noch auf der Arbeit, Cameron? Sogar zu Hause schaffst du es nicht, deinen Anzug abzulegen?“

„Ich … hab noch keine Zeit gefunden!“

Und ja, danke der Nachfrage, ich will dich auch. Verdammt! Und wie ich dich will.

Ein zustimmender Laut entkommt mir, als auch Hugo Boss auf den Boden fällt und sich diese schönen, langen Finger in meine Boxer reinschieben. Keine Zeit! Chris hat keine Zeit zu verlieren. Drängend, begierig auf mehr, umfasst er meinen Penis, der schon ordentlich durchblutet ist, und beginnt ihn zu massieren.

Leicht nur, aber das reicht, um mich willig aufstöhnen zu lassen. Mit vollem Gewicht schiebt er mich gegen die Platte der Theke und seinen Unterleib an meinen Hintern dran. Der Versuch, mich rumzudrehen, wird vehement von ihm unterbunden. Er lässt es nicht zu. Zieht stattdessen seine Zähne … uhm … über meinen Nacken und die leicht freigelegten Schulterblätter, denn der Rest von mir steckt noch in den Klamotten fest. Ein Schauer nach dem anderen jagt über meine Haut und ich bin … einfach chancenlos. Das ist ein klassischer Angriff aus dem Hinterhalt raus. Das Raubtier hat seine Beute erlegt. Es wird keinen Kampf mehr geben. Nach dieser Erkenntnis entspanne ich mich zusehends in seinen Armen, lasse mich fallen und fange an, das Spiel zu genießen. Seine auf und ab bewegende Faust um meinen Ständer, seinen Daumen, der immer wieder zermürbend über die Eichel gleitet, seine freie Hand, die meine Bauch- und Brustmuskulatur mit festem Strich zur Anspannung bringt und auch mal kurz meine Eier verwöhnt.

„Von hinten, Cameron“, haucht er da an mein Ohr und drückt einen Kuss hinterher, bevor der Biss in meinen Hals folgt.

Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, an dem ich reagieren sollte. Eigentlich … müsste sich jetzt alles in mir sträuben, doch ich atme nur schneller. Und ein bisschen flacher. Vielleicht auch hektischer, doch das geht einfach unter. Und mein Muskel unter seiner Handfläche sprengt gleich meinen Brustkorb. Chris ist nicht nur hinter mir, sondern auch um mich und fest in meinen Gedanken verankert.

Es muss gehen! Das ist eine Premiere! Eine von vielen! Heute also von hinten! Er greift nach dem Gleitgel, drückt was davon auf meinen Ständer und macht alles flutschig und weniger … griffig. Fuck … das ist geil und ich stöhne laut auf. Das ist … Mein Blut pumpt in Schallgeschwindigkeit nach unten. Kommt da oben im Denkzentrum nicht mehr an. Und eine Hitze, die mich innerlich weichkocht, kommt auch noch hinzu, während er meinen Hintern anfängt zu kneten.

Alles in mir summt. Ich liebe das, wenn er mich auf diese Art anfasst. Mich butterweich und anschmiegsam macht. Hastig trete ich die Schuhe von den Füßen, die Hose und die Boxer hinterher und Chris fasst es als Einladung auf. Schiebt sein Knie zwischen meine Schenkel und meine Beine somit auseinander. Deutet mir, wie er mich jetzt haben möchte.

„Sag mir bitte, wenn’s nicht geht, Panther, ja? Ich meine, wenn es kopfmäßig nicht geht. Dass es an deinem klasse Arsch keine Probleme gibt, dafür sorge ich schon.“ Er lacht leise und küsst sich erneut über meinen Nacken, beißt neckisch hinein.

Uhm … er hat dran gedacht. Er denkt … eigentlich immer an mich. Egal, was ich ihm schon alles erzählt hab, vergessen hat er noch nichts.

„Mach!“, antworte ich knapp, denn mein Vertrauen scheint gnadenlos ins Grenzenlose gewachsen zu sein.

„MACH!“ Jetzt spricht nur noch Ungeduld aus mir. Ich will es wissen. Jetzt! Und nur Chris wird es je dürfen. Ich vermute mal, das weiß er auch. Sanft beginnend, dann immer fester, massiert er meinen Schließmuskel, geht hinter mir in die Knie und … uhm … ich gehe beinahe mit. Mit der Zunge verwöhnt er mich, so hingebungsvoll, dass ich laut aufstöhnen muss.

Krass … das ist geil. Das ist wahnsinnig gut, so intensiv, so anders …

„Chris, verdammt … oar … weiter. MACH WEITER!“

„Gefällt dir, hm? Nicht nur dir!“

Ich höre sein Lachen. Leise und samtig, bevor er mir einen Kuss auf jede Pobacke drückt und sich aufrichtet. Noch ein bisschen mehr von dem Gel verteilt und mit seinem Daumen in mich gleitet. Mein Keuchen erfüllt die Luft und weiteres Gemurmel von ihm dringt an mein Ohr.

Wieder kann ich nicht verstehen, was er von sich gibt. Aber das funktioniert sowieso nicht mehr, das Denken. Die Stimulation von vorne und hinten macht mich stahlhart und mürbe. Und … verrückt! Und ich pumpe abwechselnd in seine Faust und dränge mich hin zu dieser krass geilen Stimulation, die er mir aber leider nach einer kleinen Weile wieder verwehrt. Ich höre das Ratschen des Blisters. Dann verschwindet auch die andere Hand. Und mein unwilliges Brummen, wird von ihm mit einem leisen Lachen quittiert. Meine Backen werden gespreizt und seine Eichel positioniert.

„Bereit?“

„Mach! Gooott, Chris … mach endlich! Will dich in mir haben.“

„Du bettelst!“

„Ich bettele nicht … mach!“

Und dann zische ich auf. Chris ist zu schnell. Viel zu schnell und der kurze Schmerz zieht durch meine Eingeweide. Arsch, ehrlich wahr! Und da beißt er mich wieder und verharrt! Tief in mir drin! Aber das Gefühl, von ihm ausgefüllt zu sein und gleich bis zum Umfallen durchgevögelt zu werden, das vertreibt den Schmerz und macht Platz für Begierde, für Lust, die jetzt ausgelebt werden will.

„Rrrr … Panther. Das ist abgefuckt geil. Das Brennen lässt gleich nach, ja?“

Seine Hand greift um meinen Hals, zieht meinen Kopf herum und seine Lippen landen federleicht auf meinen. Hauchen Küsse darauf, bevor die Gier auch dort von uns Besitz ergreift

„Alles gut?“

„Verdammt gut!“

Das Funkeln in seinen Augen steht meinem Gefühl in nichts nach. Der Kegel in seiner Zunge lenkt mich ab. Er zieht sich aus mir raus, verharrt wieder und …

„Oar … Fuck, Chris“, versenkt seine Länge in einem weiteren einzigen Stoß. Wieder und wieder. Und die Pausen dazwischen werden kürzer und kürzer.

Er wird uns umbringen. Alle beide! Und ich? Ich gehe gerne mit ihm zu Boden, wenn er alles aus uns rausgeholt hat, zu was wir fähig sein werden.

Keuchend, nach Luft ringend und genauso kraftlos wie ich, presst er sich so fest an meinen Rücken, dass ich seinen rasenden Muskel bis zum Hals klopfen spüre. Mein eigener Orgasmus klingt noch in mir nach. Presst den letzten Rest aus ihm raus. Ich weiß, wie empfindlich er so kurz nach dem Showdown ist, da kann er ja trainiert sein, wie er will. Aber die letzten Zuckungen meines Schließmuskels entringen ihm noch mal ein Stöhnen. Der nächste Kuss hingegen ist voller Gefühl.

Hmm … Chris, ich lieb dich so sehr!

Heiß ist er! Völlig erhitzt! Und genauso erledigt, wie ich das bin. Mein Sperma klebt an uns beiden. Na ja … eher an mir. Verschmiert von seiner Hand, in die ich gekommen bin. Es ist wohl an der Zeit für eine grandios kalte Dusche.

„Alles klar?“, fragt er, als wir einigermaßen zu uns finden und sicher sind, dass wir einander loslassen können, ohne einem Schwächeanfall zu erliegen. Chris bewegt sich. Gleitet erschlafft aus mir raus. Uhm … es war … Hölle gut! Fühle mich gelöst und immer noch hallt jede seiner Berührungen an meiner Haut in mir nach.

Auf seine Frage hin, nicke ich nur leicht. Finde noch keine Worte dafür. Für den Überfall von hinten. Finde generell keine Worte für sein Verhalten, denn Chris ist heute anders.

Nein! Nicht erst heute. Aufgefallen ist es mir schon in der letzten Nacht und die Tage zuvor. Ich merke, dass mit ihm was nicht stimmt. Auch, wenn er nicht will, dass ich es bemerke. Noch einmal drückt er sich Halt suchend an mich, zieht dabei den Gummi ab und schmiegt sich mit seinem Unterleib an meinen Hintern. Ich mag die seidige Weichheit seines Gliedes an mir. Liebe es einfach und werde es immer lieben.

Und … würde ihn so gerne mal ohne diese nervtötende Gummibarriere spüren. Was nicht geht! Nie, vermutlich. Denn meinem Wunsch, ihn ganz für mich alleine zu haben, dem wird er nicht nachkommen. Ich seufze auf, könnte mich für diese niederschmetternden Gedanken mal wieder selbst ohrfeigen. Aber ich schaffe es irgendwie immer, mich nach einem Erlebnis mit Chris wieder viel zu schnell zu erden. Das kann nicht gesund sein! Nicht für mich und auch nicht für unsere … dämliche Dann-und-Wann-Beziehung.

Ich verspanne mich und merke an seiner Reaktion, dass Chris von meinem Gedankenkarussell natürlich sofort Wind bekommen hat. „Cameron? Geht es dir gut? Es tut mir leid.“ Chris interpretiert meine Signale auch gerade mal völlig falsch.

„Ja, verdammt! Alles bestens. Ich beschwere mich schon, wenn mir was nicht passt.“ Aber eigentlich … Nein! Vermutlich würde ich es ihm nicht mal dann sagen, wenn es mir jetzt, nach dieser Überrumpelungstaktik von hinten, richtig schlecht gehen würde. Ich drehe mich in seinen Armen und suche seinen Blick, den er etwas zu schnell senkt und seine Stirn an meine lehnt.

„Sieh mich bitte an, Chris!“ Mit den Händen um seine Wangen, fordere ich ihn dazu auf, mir ins Gesicht zu schauen. „Es ist gut, wie es ist. Du warst es, deshalb ist es… okay für mich. Mehr als das! Es war … heiß, Chris!“

Ein leichtes Funkeln tritt in seine Augen, die so … wow… und wahnsinnig schön sind und geradewegs wieder in mein Inneres zu blicken scheinen. Sich da irgendwo in mir festhalten wollen.

Ich lasse dich nicht los! Klar?

„Du kannst bei mir doch gar nichts falsch machen, Wolf. Dachte, du wüsstest das.“

„Es war gegen die Vereinbarung!“

War es das? Nein, eigentlich nicht! Es war mein persönliches Tabu. Seit Jahren nun schon. Was nicht heißt, dass ich daran festhalten wollte. Chris hat meine beiden Tabus gebrochen. Analsex im Allgemeinen für mich, Sex von hinten, der, wie er mir gerade bewiesen hat, nicht immer nur gesichtslos vonstattengehen muss. Mich schauert’s. Mein Körper bebt und … ich möchte ihn gerne ewig so festhalten.

„Lass uns duschen gehen! Ich brauche jetzt eine Schmuseeinheit.“

„Rrrrr … der Panther mutiert zum Katzenbaby!“

Kurz nach Mitternacht ist es, als wir uns wieder in der Küche einfinden. Er ist angezogen, denn er muss ja gleich los. Ich … bin auch angezogen. Wie üblich, ganz in Schwarz. Denn ich möchte ihn gerne begleiten. An Schlaf ist jetzt sowieso nicht zu denken. Und meine Gedanken kommen auch nicht zur Ruhe. Die Dusche mit Chris war … wiederholungsbedürftig. Schön und kuschelig und so voller unausgesprochener Gefühle. Meine Hände waren überall auf seinem Körper unterwegs. Seine Hände auf mir. Leicht und doch markant, beflügelnd und doch erdend und meine Lippen sind wohl ein bisschen wund. Heute ist so ein Tag, an dem ich gerne ewig an ihm kleben, von seinem Mund, seinem Vermögen, immer zu sehen, was ich gerade brauche, vereinnahmt werden möchte. Seine Laute einfangen, sein Knurren, sein Schnurren, sein Aufstöhnen und sein Wispern. Sein scharfer Ton ist es allerdings gerade, der mich aus meinen Gedanken herausreißt.

„Was willst du damit?“

WAS? Was ist denn jetzt los? Ich drehe mich zu ihm und blicke seinen Arm hinab, auf seine Hand, auf seinen ausgestreckten Finger, der auf die beiden Ordner zeigt.

Fuck! Shit noch eins. Krass … ich beginne zu frieren.

„Ich …“

Okay! Ich hätte es wegräumen sollen. Hätte es, verdammt noch mal, einfach wegräumen sollen. Ich bin noch nicht bereit, mit Chris darüber zu sprechen. Gerade noch nicht. Nicht nach dieser schönen Stunde, die wir uns geteilt haben. Es ist doch immer dasselbe. Immer derselbe scheiß Ablauf. Je besser es uns geht, umso tiefer fallen wir anschließend. Es kotzt mich an. Fuck! Ehrlich wahr!

„Das sind die Prozessakten vom Black Stage“, flüstere ich und suche eine Reaktion, die sich möglicherweise auf seinem Gesicht widerspiegelt, während in mir Panik aufsteigt.

Seine Reaktion kommt auch prompt. Die Weichheit verschwindet, macht harten Gesichtszügen Platz. Seine Kiefer pressen sich aufeinander und das warme Funkeln in seinen Augen weicht einer Kälte, die sofort in mich eindringt.

„Hast du die von Uli?“

„Hmhm.“

Was soll ich schon sagen?

„Dazu hat er kein Recht. Es geht dich nichts an, Cameron. Was suchst du? Was erwartest du zu finden, hm?“ Chris wird laut und lauter. Nimmt eine Abwehrhaltung ein, die mich automatisch von ihm fernhält.

„Das ist mein Laden. Ja, es ist nicht immer alles so rosig, wie in dieser geradlinigen Welt da draußen, in der alles astrein und sauber ist. Das ist es bei einem Sexclub wie diesem wohl nie. Aber es ist auch nicht illegal, verstanden? Wer sucht, der findet, nicht wahr, Cameron? Das war schon immer so. Aber du wirst nichts finden, womit du Thomas und mir das Genick brechen könntest. Genauso wenig, wie die Kläger dieser unzähligen Gerichtsverhandlungen, die sich in den Akten befinden. Du bist nicht der Erste, der versucht, uns ans Bein zu pinkeln. Du wirst scheitern und dafür werde ich eigenhändig sorgen.“ Immer weiter redet er sich in Rage. Bin mir nicht sicher, ob er überhaupt merkt, wie sehr er mich damit trifft.

„Wieso, um alles in der Welt, willst du mir das kaputt machen? Verdammt noch mal! Was genau willst du eigentlich von mir, Cameron? Über mich den Zugang zu einem höchst brisanten Fall, der den Herrn Anwalt wie einen Stern in den Himmel hebt? Vergiss es! Und zwar ganz schnell wieder. Ist das jetzt klar? Kommt das irgendwann mal bei dir an oder wie soll ich es dir begreiflich machen?“

Ich friere richtig. Eine Eiseskälte kommt mit seiner Stimme zu mir herübergeweht. Schneidend, scharf. Unüberwindbar. Eine Mauer, die binnen Sekunden steht und all die mühsam errungene Nähe plattwalzt.

„Bist du jetzt fertig mit deiner Verurteilung? Anwälte können ja nichts anderes, als jemandem an den Karren fahren. Vorurteilen sei Dank, was? Lieben können die auch nicht, nicht wahr? Grundgütiger, Chris. Du verrennst dich!“

Genauso, wie ich mich verrenne. Anscheinend tun wir uns nicht gut. Ganz und gar nicht … Wenn ich dich nicht so sehr lieben würde! Neben der Angst, Chris zu verlieren, steigt aber auch eine gehörige Portion Wut in mir hoch.

Ich. Bin. Nicht. Uli.

Und ich bin auch nicht der Rest dieser Welt. Ich kann’s nicht leiden, wenn man mich mit einem Dreckshaufen von Idioten über einen Kamm schert. Da kommt mir ein Spruch von Chris in den Sinn. Einen, den er mir vor Jahren an den Kopf geknallt hat. Alle Anzugträger sind hintenrum und falsch! Wenn ich mir sein Gesicht anschaue, die Kälte, die er mir entgegenbringt, hat er das tatsächlich ernst gemeint! Ich schlucke.

Okay, Cameron. Brems dich aus. Wenn du nicht möchtest, dass deine Dann-und-Wann-Beziehung hier und jetzt endet, musst du runterkommen. Sofort!

„Ich will das doch gar nicht“, fahre ich dann leise und bedacht fort, versuche, mir die Worte zurechtzulegen, statt sie wie immer unüberlegt aus mir heraussprudeln zu lassen.

„Chris … Herrgott noch mal! Ich … will dich doch nicht torpedieren, ich möchte dir helfen. Für meinen Partner da sein. Wie man das eben so macht, in einer Beziehung.“

Für ihn, das sickert ebenfalls langsam in mein Bewusstsein, muss das hier aber ganz anders aussehen. Meine Mimik scheint Bände zu sprechen, denn Chris nickt mir wissend zu. Nicht mehr ganz von seinem Thron herab, aber überzeugend genug war ich wohl auch nicht. Ein paar Mal trommelt er mit seinen Fingern auf den Tresen, bevor er seine Stimme wieder findet. „Beziehung, hm?“ Mit einem resignierenden, krass falschen Lächeln auf seinen Lippen dreht er sich weg und geht geradewegs Richtung Haustür.

Ich bestehe nur noch aus dem schmerzhaften Puls meines Muskels. Hab ich mich so in ihm getäuscht? Seine beginnende Offenheit und Zuneigung so falsch gedeutet? Wenn Chris auch nur einen Funken Gefühle mir gegenüber hätte und mir vertrauen und glauben würde, dass ich ihn liebe, wäre seine Reaktion dann wirklich so überzogen?

Aber irgendwas in mir funktioniert noch. Wenn auch grundfalsch, denn ich sollte ihn wirklich besser ziehen lassen. Das wäre gesünder für uns beide. Ich weiß also gar nicht, wo mein falsch platziertes Ego gerade herkommt. So ein eiserner Wille, der sich in mir festsetzt! Oder eher wahrscheinlich: Die blanke Angst, dass dies hier wirklich das Ende sein könnte.

Mechanisch setze ich einen Fuß vor den anderen. Laufe ihm nach und komme bei ihm an, noch bevor er die Haustür aufmacht. Ich weiß mir nicht anders zu helfen und reiße ihn hart zu mir rum. Wut kocht in mir hoch. Wut und Angst. Und eine gnadenlose Verzweiflung.

„Chris, nicht! So lasse ich dich nicht gehen! Ich weiß nicht, wie ich dir noch zeigen soll, dass ich … Siehst du es denn wirklich nicht? Glaubst du, ich lüge dich an, wenn ich sage, dass ich dich liebe?“, raunze ich ihn an und presse verzweifelt meine Lippen auf seinen Mund, noch bevor das letzte Wort aus mir rauskommt.

Ich grabe meine Hände in seinen braunen Schopf und lege alles in den Kuss, was in mir vorgeht. Vor allem das lachhafte Gefühl, ich müsste ihn hier und jetzt von mir überzeugen. Obwohl ich es doch besser weiß. Wenn ich ihn bisher nicht überzeugen konnte, wird das auch nichts mehr.

Chris’ Körper durchläuft ein Beben, bevor er mich mit den Armen umfängt. Erst zögerlich, dann eisern. Seine Finger bohren sich in meine Schulterblätter und ich schlucke seine Worte, seinen Versuch, mir was mitzuteilen, einfach hinunter. Lösen kann ich mich nicht von ihm. Aber die Augen bekomme ich auf und falle in seine. Grüne Augen, die alles widerspiegeln, was in diesem Moment auch in mir vorgeht.

Das ist der Wendepunkt. Augenblicklich wird der Kampf unserer Lippen sanfter. Weniger kräftezehrend! Jetzt kann ich ihn auch wieder schmecken. Ich liebe seinen unvergleichbaren Geschmack. Und jede Berührung unserer Zungen, jeder Druck unserer Lippen, entfacht ein kleines Feuerwerk in mir. Ein Funkenregen, der die Kälte vertreibt. Bis wir uns zeitgleich voneinander trennen, um wieder Luft in die Lungen zu saugen.

Atemlos lasse ich mich gegen ihn sacken. Meine Brust an seine. Meine Wange an seine. Lasse mich anreichern von seinem Geruch, der heute ein bisschen verfälscht und meinem ziemlich ähnlich zu sein scheint. Klar, er hat mein Duschgel benutzt. Mein Shampoo. Ich liebe diese Nähe. Dieses Beieinanderstehen und einfach … ein bisschen genießen. Runterkommen! Die Gemüter beruhigen!

„Uli möchte, dass ich seine Nachfolge antrete“, beginne ich leise. „Er hat mich heute Vormittag darum gebeten. Bitte, Chris … ich hätte mit dir noch gesprochen, aber ich musste doch erst mal für mich selbst herausfinden, um was ich da überhaupt gebeten werde. Du … bist doch mein Partner und ich möchte dich gerne unterstützen. Dich und den Club. Das kann ich aber nur, wenn ich es mit meinem Gewissen vereinbaren kann. Und … weiter ist mir im Laufe des Tages klar geworden, dass ich es schon aus dem Grund heraus machen möchte, damit kein anderer Anwalt da noch mit reingezogen wird.“

Er schweigt. Eine Minute. Vielleicht auch zwei, bevor er leise an mein Ohr spricht. „Oder eher aus dem Grund heraus, weil du nicht willst, dass sich da ein weiterer Kunde in die Liste der anderen einreiht?“

Ich schnaufe aus. Bingo! Volltreffer! Mit einem Stoß versenkt. Wenn er jetzt geht, hab ich keine Worte mehr, um ihn noch aufzuhalten. Und auch, wenn ich es selbst nicht wahrhaben will, hat er so was von Recht. Meine Eifersucht, das übelkeitserregende Gefühl, wenn ich an seine Nachtaktivität denke, war wohl federführend bei dem Gedanken, Ulis Nachfolger zu werden. Einer weniger, dem Chris zur Verfügung stehen muss. Einer weniger, der ihn anfassen darf. Sich von ihm ficken lässt oder ihn einfach schlichtweg benutzt. Das ist eine klare Milchmädchenrechnung. Eine Rechnung, bei der man absolut nichts gewinnen kann. Denn kommt der eine nicht, kommt ein anderer daher.

Ich schweige mich aus. Denn meine anderen Ambitionen, ihm helfen zu wollen, waren ja schon vorhanden. Mich jetzt allerdings zu erklären, wäre dann noch lächerlicher, als es ohnehin schon auf Chris wirken muss.

„Lass uns gehen“, flüstert er mir zu, erwartet scheinbar keine Antwort von mir, und umarmt mich ein letztes Mal, bevor er mich ein Stück von sich schiebt. „Ich muss darüber nachdenken, ob ich dich dabei haben will, dich da mit reinziehen möchte. Thomas wird das nicht mehr entscheiden.“

„Hey, Wolf, warte!“ Ich ziehe ihn am Bund seiner Jeans an mich und sehe ihn fragend an. „Was werde ich finden, wenn ich weitersuche?“

Jetzt ist es wohl raus. Die Frage, die mir seit geraumer Zeit auf der Zunge brennt. Er knirscht mit den Zähnen, hält aber meinem Blick stand. „Jede Menge!“, gesteht er dann ein und beginnt mit einem Monolog, der es in sich hat.

„Einsame Seelen. Schicksalsschläge. Ausfälle durch Positiv-Testung. Aber auch eine große Familie mit gutem Zusammenhalt. Jede Menge Menschen von außerhalb, die uns wohlgesinnt sind. Es gibt aber auch ein paar wenige, die uns in schöner Regelmäßigkeit den Dolch von hinten reinstoßen wollen. Sei es jemand, der von unseren Sicherheitsleuten vor die Tür beordert wurde, jemand, der draußen vorbeiläuft und sich belästigt fühlt, jemand, der glaubt, die Angestellten seien Gefangene. Zur Prostitution gezwungen … Steuerhinterziehung, Mindestlöhne, Gesundheitszeugnisse … Das volle Programm. Alle vier Wochen, danach kann man die Uhr stellen, stehen die Bullen in unseren Räumen. Sie finden nichts. Nie eigentlich! Keine Drogen, wenigstens nicht bei den Angestellten, keine sexuelle Gewalt, keine Zuhälterei. Wir sind sauber, Cameron. Wir trinken nicht, wir konsumieren keine Rauschmittel, wir sind gesund. Sind wir es nicht mehr, werden wir sofort aus dem Arbeitsverhältnis entlassen und der Club kümmert sich finanziell. Die Löhne gehen monatlich pünktlich am Sechsundzwanzigsten raus. Die Steuern sind lange im Voraus bezahlt. Sag mir, warum es immer wieder Leute gibt, die es einfach nicht akzeptieren können? Die uns nicht dulden und uns ans Bein pinkeln wollen? Die in den Krümeln suchen, bis sie was finden? Ja, es gibt was zu finden: Eine falsche Buchung in den Geschäftsbüchern beispielsweise, weil ich es einfach nicht perfekt kann. Wenn du tiefer gräbst, findest du drei Namen von jungen Mitarbeitern, die sich in den letzten fünfzehn Jahren das Leben genommen haben. Nicht bezahlte Rechnungen, weil sie nicht gerechtfertigt waren und sich jemand daran bereichern wollte, dass wir eben sind, wer wir sind und gehofft hatte, wir wollten unsere Ruhe, unser Gesicht nicht verlieren und würden uns nicht gegen dubiosen Unfug wehren. Überzogene Grundsteuern, Mahnungen und Klagen von Kunden, die meinen, sie hätten sich bei uns was eingefangen … und das alles wird abgefangen, Cameron. Von Uli, von unserem Vertrauensarzt, vom Gewerbeamt und von einem Mitarbeiter der Bank, der in allen Belangen für uns gebürgt hat. Ab Januar, wenn ich das Zepter übernehme, werde ich zusätzlich noch auf die Suche nach einem seelischen Beistand gehen. Einem Psychologen, der den Pott von vier Gönnern auf fünf erhöht.“

Chris stoppt sich selbst, sein Blick gleitet über mein Gesicht, sucht nach einer Reaktion. Doch mir fehlen die Worte. Alle auf einmal! Ich lasse ihn los und greife nach meinem Mantel, reiche ihm seinen Parka. Wortlos fahren wir zum Black Stage. Jeder hängt seinen Gedanken nach.

Gönner! Das klingt … echt krass. Gönner, die sich am Ende vom Inhaber persönlich befriedigen lassen? Das ist falsch. Und irgendwie … Ich verstehe es ein wenig. Es ist so viel einfacher, wenn man jemanden hat, und dann gleich noch vier Leute, die hinter einem stehen.

Immer noch wortlos gehen wir rein. Einfach so! Chris wird begrüßt. Ich hingegen werde an seiner Seite kaum wahrgenommen. Aber auch nicht nach Eintrittsgeld gefragt. Es ist voll, wie immer eigentlich. Hier im Club merkt man den Unterschied zwischen gewöhnlichem Arbeitstag und Wochenende kaum. Chris und mir fliegen Blicke zu. Ein bisschen misstrauisch, fragend, stutzend. Dabei berühren wir uns nicht mal. Weder Hand in Hand, noch Arm in Arm.

Gerade, als wir die Stufen zum VIP-Bereich nehmen, richtet Chris endlich das Wort an mich. „Noah hat jetzt Pause und bedient gleich eine Vierergruppe. Das ist das Maximum, das wir als Gruppe zulassen. Da setze ich mich jetzt dazu. Du kommst mit!“

Uhm … ich weiß ja nicht so recht. Ist das jetzt eine Anweisung? Was wird Noah von mir oder überhaupt von uns denken?

Aber: Eine leichte Neugierde schlummert ja schon irgendwo in mir. Doch bevor ich antworten kann, drückt Chris mir einen Kuss auf die Lippen, der ein Widerwort quasi unmöglich macht. „Wir setzen uns abseits. Die Männer kenne ich, das wird kein Problem sein. Nur zugucken, Cameron, bitte. Ich möchte dich dabeihaben.“

Ach! Sieh mal einer an!

„Ich traue meinen Angestellten nicht, wenn du hier einsam an der Bar herumsitzt.“

HA-HAHAHA!

Zu gut geschult, was, Chris? Und was soll ich da drinnen? Zuschauen, wie Noah vier notgeile Kerle befriedigt?

„Appetit holen!“ Er grinst mich an, als hätte er meine Gedanken erraten. Aber seine jungenhafte, fröhliche Mimik ist irgendwie … schön! Weil sie so selten ist!

„Und? Möchtest du dir … Appetit holen?“, fragt er amüsiert nach und fährt mit seinen Fingerspitzen über den Schritt meiner Jeans. Na, das kann ja heiter werden. Mit einem Ständer in der Hose, der mit Sicherheit kommen wird. Wenn nicht von Noah, dann vermutlich einfach deswegen, weil ich Chris mit den Augen während der Show auffressen werde.

Kann ich mir heute also mal anschauen, was mich nächsten Samstag erwartet. Eine Show von meinem Raubtier persönlich. Pruuu … Ich muss ihm das noch sagen. Oder kann er es sich denken? Jetzt, wo er weiß, dass Uli mich einwechseln will?

„Noah ist gut.“ Chris bemüht sich, mich doch noch zu überzeugen.

„Keine Frage“, gebe ich monoton zurück. „Das kleine Katerchen kann was, weiß ich wohl!“

Dafür ernte ich einen entrüsteten Blick meines Partners, bevor er mich in Lounge 1 reinschiebt. Eifersüchtig, Chris?

Ich sitze neben Chris im roten Leder … und … uhh … das Katerchen ist wirklich gut. Als hätte ich es mir nicht denken können. Der Kleine hat’s drauf. Ehrlich wahr! Nichts mehr mit Plüschkopf, da oben an der Stange. Ich kann nicht leugnen, dass ich jeder seiner Bewegungen folge und im Sofa versinke. Tiefer und tiefer. Alle Augen sind auf ihn gerichtet. Gierige Blicke. Sabbernde Blicke. Dirty Talk hallt leise durch die Lounge und da sind Hände, die sich auf die anwachsenden Härten legen, als Noah beginnt, sich zu entkleiden. Ein Stück Stoff nach dem anderen fällt, entblößt einen makellosen, straffen, immer noch jugendlich aussehenden Körper.

Ich kann nicht mal leugnen, dass meine Augen an ihm festgewachsen scheinen, als er irgendwann katzengleich vom Podest runterspringt, und dem ersten Mann an die Hose geht. Seine Hand an den … uhm … krass prallen Ständer legt und seine Lippen kurz darauf folgen lässt. Ein dunkles Stöhnen dringt an mein Ohr. Ich sehe Hände, die sich in Noahs Nacken reinarbeiten, ein Schoß, der nach oben bockt, lüsterne Blicke, die alles aus Noah herausholen werden, zu was er fähig sein wird.

Meine persönliche Droge allerdings sitzt direkt neben mir und beugt sich in dem Moment zu mir, als ich die Luft anhalte. Ein bisschen, weil’s einfach nur … geil aussieht, ein bisschen, weil ich mir vorkomme wie ein Stalker. Zwar körperlich anwesend, aber für Noah dennoch unsichtbar. Die kleine, aber strikte Anweisung von Chris, dass wir beide nur Zuschauer sind, hat der Kleine vor seiner Show leicht pikiert zur Kenntnis genommen. Ich hab mich gefragt, ob sein bedauernder Blick ausschließlich mir gegolten hat, oder ob er Chris auch gerne mal so richtig live gezeigt hätte, wie gut er schon ist. Seinem Chef höchstpersönlich! Doch ich glaub, es hätte mich ein bisschen mehr als gestört.

„Macht dich das an?“, raunt Chris mir zu und lenkt mich damit von meinem Starren ab.

„Rrrrr …“

Er lacht verhalten auf, nimmt meine Hand, legt meinen Arm um seine Schulter und drückt mir nun, da er näher an mich rankommt, sich irgendwie sogar müßig an mich kuschelt, einen keuschen Kuss auf den Hals. Gerade komme ich mir vor, wie ein Zuschauer in einem Live-Pornokino.

„Wir gehen gleich, C a m e r o n! Kommst du mit zu mir?“, wispert er fragend und leckt sich quer über meine Wange, mein Ohr und sendet grelle Blitze der Lust durch mich durch.

Sein leicht stockender Atem ist da nicht gerade hilfreich. Ey … Gooott, Chris. Ich weiß nicht mal, wie ich noch laufen soll. Aber laut sage ich das jetzt auch nicht. Denn irgendwie ist’s mir peinlich, dass ich überhaupt hier drinnen sitze und mich von der Show auch noch antörnen lasse, die da vor meinen Augen abspielt. Und dass ich und … mein Dann-und-Wann-Partner dabei sind, scheint die vier Kerle tatsächlich nicht zu tangieren. Das ist pervers! Irgendwie … aber eigentlich … auch echt grandios hot.

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Bericht Re: Duits | Eigentlich ... door Redactie » woensdag 19 augustus 2015 14:48

24.


Ich war bei Chris. Donnerstag auf Freitag. Und auch die folgende Nacht. Die Nacht auf Samstag. Weiß nicht, was mich dort gehalten hat, so alleine in der Wohnung, die gar nicht meine ist. Aber ich fühlte mich dort wohl. Ähnlich vermutlich, wie es Chris in meinen vier Wänden ergeht. Geredet haben wir nicht mehr. Also schon … Aber nicht mehr über die Akten. Über den Tausch Uli gegen mich. Und auch nicht über das Black Stage im Allgemeinen.

Und eigentlich … waren die Stunden, die wir freitags gemeinsam hatten, ziemlich entspannt. Mein Arbeitstag war kurz und Uli musste ich leider über den Mund fahren, als er es wagte, mich auf meine Entscheidung anzusprechen. Soll er mir mal bloß nicht damit auf den Keks gehen. Ich glaub, er hat’s verstanden. Vorerst wenigstens. Was er nicht verstanden hat, dass ich ihn krass fett angelogen hab, als es um Chris ging. Ich hab keine Ahnung was er sagt, wenn er herausfindet, dass mich mit dem Mann seiner Träume mehr verbindet als nur eine verdammte Live-Porno-Show und ein paar Vorzüge, die gewisse Freunde mitunter mal teilen.

Chris und ich waren gemeinsam einkaufen. Ganz brav! Hatten Spaß, auch ohne unsere sexuelle Ausrichtung in dem Lebensmittelladen an die große Glocke zu hängen. Das ist nicht so meins. Merke es immer mal wieder. Abends am Fluss, dort im Dunklen, mag’s ja schon gehen, aber nicht in einem Laden, wo sich ein Dreijähriger die Nase an der Scheibe der Wursttheke plattdrückte. Die Zwillinge im Einkaufswagen, die mit ihrem Herumgehopse den Pudding zerquetscht hatten, so lange nörgelten, bis je ein Ü-Ei noch mit aufs Band sprang. Mit einer Mama, der man ansah, dass die Nerven krass blanklagen. Und die Oma mit dem Opa grandios langsam, Arm in Arm, den Gang entlang schlich.

„Junger Mann, Sie sind so schön groß. Können Sie uns bitte von dort oben den Vorratspack runterholen?“ Damit war Chris gemeint.

„Sonderangebot, hm?“, raunte ich ihm ins Ohr und er verpasste mir einen Seitenhieb dafür. Funkelte mich an und… Mann … ich lieb dich, war das einzige, was mir in dem Moment einfiel.

Fakt ist, es muss ja nicht jeder wissen. Ich bin da immer noch ein bisschen empfindlich und fühle mich wohl, so wie es ist. Wenn man mich als Mann betrachtet, sieht und respektiert, als der, der ich bin. Es geht niemanden was an, dass ich unter den Händen meines Raubtiers zu jeder Tages- und Nachtzeit einfach so dahinschmelzen würde.

Auch nicht die Kassiererin, die erst mich und gleich darauf Chris schamlos anflirtete. Niedlicher Hase. Klassische Beute! Himmel, es ist schon so irrsinnig lange her, dass solche offensichtlichen Anmachversuche mich krass verrückt gemacht haben. Doch mein Blick, der über meine Schulter hinweg zu Chris huschte, warnte ihn vor. Weiß ja, dass er gerne mal provokant daherspaziert.

Gleich darauf spürte ich seine Hand, wie sie sich auf meine Arschbacke legte und leicht zudrückte. Oar … Er brachte mich damit zum Lachen. Albern! Ich kam mir vor wie ein Teenager.

„Hast du einen Stift und Papier?“ Er zwinkerte dem Häschen zu, das bei meinem Auflachen und Chris’ direkter Nachfrage mal anstandshalber errötete. „Mein Freund hier möchte gerne deine Telefonnummer haben.“

Ey … pruuu … Chris! Geht’s noch? Ich schnappte nach Luft. Krass! Eins ist sicher, dort gehe ich nicht mehr einkaufen. Sicherheit geht vor. Nicht nur Kätzchen können ihre Krallen ausfahren.

Die Kassiererin, mittlerweile sogar tiefrot im Gesicht, streckte uns tatsächlich einen Zettel entgegen und ich lachte Chris offen an. Mann, ich kann schon lieb sein, wenn ich das will. Aber seine Provokation bekam er zurück. Ich steckte ihm den Zettel in die Tasche seines Parkas und tätschelte seine Wange. „Nur keine falsche Scham, Partner!“ Dann drehte ich mich wieder zur Kassiererin um und zwinkerte ihr ebenfalls zu. „Wenn er sich nicht meldet, liegt das wohl daran, dass er extrem schüchtern ist. Raubtiere sind eher nachtaktiv.“

Blicke sagen so viel mehr als tausend Worte. Seine trafen mich, als wir aus dem Laden rauskamen, Chris in die Tasche griff und den Zettel in die nächstbeste Mülltonne warf. Da lagen so viel Zuneigung und Wünsche in seinem Blick!

Hm … und der Kerl kann unglaublich … heiß gucken. Da werde ich schwach. Sogar jetzt noch, da ich hier in meiner Küche sitze, zwei Tage später, und mich nicht eine Sekunde auf die vor mir liegenden Akten konzentrieren kann. Wenn er mich so anschaut, kann ich nichts dagegen machen. In solchen Momenten bin ich wie gelähmt und werde von Wärme durchflutet. Unterstützt wird diese Hitze dann meist von einer kleinen Berührung hier, einem Atemhauch da. Chris transportiert Sex, mit allem, was er tut, sogar in seiner Vorwärtsbewegung.

Kann er auch anders? Der Heimweg zu seinem Bungalow war entsprechend beschwerlich. Gekocht haben wir dann gemeinsam. Es hat geschmeckt. Punkt! Die Vorspeise hingegen war … anregend und die Nachspeise endete im Bett. Sweet und cremig. Solange zumindest, bis der bittere Nachgeschmack einsetzte.

„Ich muss gleich los“, flüsterte er in die Stille des Freitagabends, die nur durch das rasante Klopfen unserer Muskel durchbrochen wurde.

„Was muss, das muss!“ Was hätte ich sonst sagen sollen? Ihn festbinden?

Ja, ich hätte es machen sollen. Hab ewig wachgelegen, als er längst außer Haus war. Zehnmal bin ich aufgestanden und hab eine Kippe geraucht. Vielleicht hätte ich heimfahren sollen. Aber das konnte ich nicht.

Ich. Konnte. Einfach. Nicht.

Mein krass vertrackt denkendes Hirn hab ich aber auch nicht abschalten können. Wieso kann mir sein Job nicht einfach scheißegal sein? Es muss mir sogar egal sein. Job ist Job! Doch irgendwo in mir brennt’s einfach nur. Die Wunde öffnet sich weiter und weiter. Mit jedem Tag ein Stück mehr. Da ist kein Brodeln, kein Glühen, sondern ein elendes Brennen, das einfach nur wehtut. Samstagmorgen bin ich aufgewacht, als Chris ins Bett gefallen ist. Halb tot! Was am Vortag noch wunderbar schön und so greifbar real war, einfach weil wir gemeinsam den Club verlassen haben und es einer der wenigen Momente der letzten Tage war, da der Schein mehr bot, als die Wahrheit in petto hatte, war in dieser Nacht wieder fies niederschmetternd. Zermürbend! Sein Anblick brach mir das Herz.

Doch es half ja alles nichts. Nicht mir und nicht ihm. Ich hab zugelassen, dass er sich in dieser Nacht von Freitag auf Samstag auf mich rollte, obwohl er kaum mehr fähig war, überhaupt zu blinzeln. Nachdem ich meine Arme fest um ihn gezogen hatte, drückte ich ein paar Mal meine Lippen auf seine Haare und … war so lange wach, bis es draußen hell wurde und ich letztendlich aufgestanden bin, meine Akten aus dem Auto geholt hab und vier Kaffee und drei Arbeitsstunden später wieder zu Chris unter die Decke gekrochen bin.

Am Samstag waren wir dann gemeinsam unterwegs, nachdem Chris um halb zwölf in den Tag gestartet war. Normalität leben, hab ich es genannt. Bin mir nicht sicher, was Normalität in seinen Augen bedeutet. Immer noch nicht. Anmerken lassen hat er sich nichts. Chris fällt überall auf, ist sich immer ein paar Blicke gewiss. Und er hat mir auch prompt einen Wintermantel gekauft, als ich frierend mit ihm durch die Stadt gelaufen bin. Kann mir so was ja nicht leisten. Hahaha.

„Weil du in dem dünnen Ding schon wieder frierst!“, hat er gesagt und mich in einen Herrenausstatter reingezogen. Meine Sturheit komplett ignorierend. Natürlich hab ich mich gewehrt, aber er hat vehement darauf bestanden. „Normalerweise zahlt man für meine Gesellschaft! Heute machen wir es mal anders herum“, hat er da auch glatt völlig trocken von sich gegeben und ich hätte ihn dafür am liebsten an die Wand gestellt. Ehrlich wahr! Aber … ich wollte ihm den Spaß am Ende auch nicht verderben. Sein Glück, dass er bei dem bescheuerten Satz gegrinst und mich mit seinem wunderbaren Blick krass weich gekocht hat. Bin also notgedrungen mit und hab mich imaginär für unsere Dann-und-Wann-Geschichte bezahlen lassen. Auch, wenn es definitiv nicht so gemeint war. Rede ich mir auf jeden Fall ein. Hoffe, dass es das tatsächlich nicht ist. Aber mein vertrackt denkendes Hirn sieht das irgendwie … na ja… egal!

Schwarz musste er sein – da hab ich drauf bestanden und Chris eigentlich auch. Die Sache mit dem Panther und so. Unglaublich schick ist der Mantel, ja, ich geb’s zu. Und wesentlich dicker und wärmender als das Herbstding, das ich sonst immer trage. „Es tut deinem Mannsein absolut keinen Abbruch“, hat er mir in dem Laden mehr als überdeutlich zugeraunt, als ich sagte, ich sähe schwul darin aus. „Tust du nicht. Du siehst heiß damit aus. Es reicht, dass ich weiß, dass du tatsächlich schwul bist. Und verdammt lecker!“

Die Verkäuferin hatte sich über meinen Ausruf „Gott, Chris, wie schwul sieht das denn aus!“ allerdings köstlich amüsiert. Und Chris nicht minder. Prima. Hab ich mal seinen Tag gerettet. Made your day, was? Meinen leider nicht. Okay, seinen wohl auch nur zur Hälfte. Weil … bestechen oder gar kaufen lasse ich mich noch lange nicht.

Haben in der Stadt noch gegessen. Aber die Stimmung, die am Freitag mitgeschwungen hatte, die war, trotz der kleinen, lustigen Einlage in dem Bekleidungsgeschäft, leicht verfärbt. Verfärbte sich noch ein wenig mehr, als ich ihm mitteilte, dass ich am Abend mit Micky und Konsorten verabredet war.

„Wo geht ihr hin?“

„Weiß nicht. Entscheidung fällt spontan.“

„Bist du zu Hause, wenn meine Schicht vorbei ist?“

Und diese Frage bewegte etwas Gewaltiges in mir. Etwas, das ich nicht in Worte fassen konnte. Trotz meiner Öffentlichkeitsphobie lehnte ich mich mitten auf dem Marktplatz an ihn. Meinen neuen Mantel bereits am Leib. Spürte den Berührungspunkten nach, spürte jede nasskalte Schneeflocke, die sich in meinen Kragen schummelte und dort in aller Ruhe vor sich hinschmolz. Spürte seine Wärme und die tiefe Zuneigung, die ich für ihn empfand. Trauerte all dem nach, was ich so gerne hätte, aber nicht bekommen konnte. Weil er es nicht zuließ.

Ich inhalierte seinen Geruch und wusste in dem Moment, dass ich nicht zu Hause sein würde. Das ich nicht da sein wollte, wenn Chris mitten in der Nacht oder am frühen Morgen auftauchen würde. Ich hätte es nicht ertragen, ihn zwei Nächte hintereinander in diesem desolaten Zustand zu empfangen. Halb tot. Völlig ausgelaugt. Mein schillerndes und doch einsames Raubtier am Ende der Kraft. Auf mir liegend, bis seine Energie wieder angereichert wäre und mich alles kostete, was ich zu Geben imstande war. Es würde mich zerreißen, dachte ich in diesem Moment.

Gerade zünde ich mir eine weitere Kippe an. Es ist Sonntagmittag, um genau zu sein zwölf Uhr, und ich versuche mich in eine Akte einzulesen. Der Rauch brennt krass in den Augen. Fuck! Hat Uli wieder einen Grund zum Meckern, wenn die Akten jetzt nach kaltem Rauch riechen. Penetranter Nichtraucher! Er schafft es nach drei Jahren immer noch nicht, in der Kanzlei ohne einen blöden Spruch an mir vorbeizugehen, wenn ich mal wieder eine am Rauchen bin. Natürlich nicht in unseren Büros! Aber in der Küche geht’s halt schon. Ein bisschen ärgert es mich ja selbst, dass ich nicht mehr davon loskomme. Aber wirklich aufhören? Glaub, das will ich noch nicht.

Der zweite Pott Kaffee, extra schwarz und verflixt heiß, steht neben mir. Das ist mein Frühstück à la carte aus dem Hause Anderson. Grandios, Cam! Die Kippe landet im Ascher, halbherzig ausgedrückt, nur um mir gleich darauf die nächste anzustecken. Mir geht’s nicht besonders. Bin fertig! So richtig! Ich fühle mich ein bisschen wie ausgekotzt. Es könnte an der langen Nacht liegen. Es könnte aber auch daran liegen, dass Chris nicht mehr da ist. Ich kann nicht mal sagen, wann er gegangen ist, aber als ich meinen Rausch ausgeschlafen hatte, war er weg. Das war vor einer Stunde.

Er hat weder eine Mitteilung auf dem Memoblock hinterlassen, noch eine WhatsApp-Nachricht geschickt. War es genau das, was ich gestern in der Stadt schon irgendwie provoziert hab, so tut’s doch klassisch weh. Denn ich bin sehr spät heimgekommen. Na ja … eher sehr früh an diesem Morgen. Es käme jetzt darauf an, wie rum man die Uhr dreht.

Ein Taxi hat mich am Straßenrand vor meinem Haus rausgelassen. Mit letztem Willen hab ich es auch noch bis zu den Treppenstufen des Eingangs geschafft. Hatte wohl ein bisschen viel Alkohol im Blut, vermute ich jetzt mal. Was nicht abwegig wäre, denn ich war mit Micky, Till und Tjard, unserer treusorgenden Ehemann-Hete, der sich natürlich geziert hat wie ein Mädchen, im Sixtie, um genau das zu tun: Mich einfach sinnlos besaufen. Mich betäuben! Eine ganze Nacht die Lichter ausknipsen, in ein leeres Bett fallen und meinen Kopf ausgeschaltet lassen. Es hat nicht funktioniert.

Scheiterte in dem Moment, als ich die Stufen hochfiel und nicht auf der Steintreppe aufkam, sondern von Chris abgefangen wurde. Ein Glück für mich! Mein Gipsarm hätt’s mir wohl echt übel genommen. Chris hat doch tatsächlich vor meinem Haus, im Schneegestöber sitzend, auf mich gewartet. Wieso, verdammt noch eins? War ich nicht deutlich? Was hatte er nicht verstanden, als ich ihm sagte: „Weiß nicht, wann ich heimkomme. Könnte spät werden. Fahr nach Hause, wenn deine Schicht um ist. Wir hören uns morgen.“

Und warum er dann draußen wartet, statt reinzugehen? Aber eigentlich … Glaub, es ist egal! Fakt ist, er war da! Nein, egal ist es nicht! Es war schon ein sehr schönes Gefühl, von ihm erwartet zu werden. Aber durchgefroren bis zu den Zehenspitzen war er und ich abgefüllt bis zur Oberkante der Unterlippe. Ich hätte mir mal einen Filmriss gewünscht. Aber so was gibt’s bei mir ja leider nicht. Mir ist deshalb leider noch allzu präsent, wie mich Chris wortlos ins Schlafzimmer bugsiert hat und mir half, Schuhe und Jacke loszuwerden. Das war auch der Moment, als ich einfach die Augen geschlossen hab und weggesackt bin.

Aufgewacht bin ich dann mit Boxer und Muskelshirt am Leib. Ohne Chris! Dafür aber mit einem fetten Kater, den ich mir leider verdient angelacht hab. Glaub, da wäre mir ein kleines Kätzchen heute lieber gewesen. Oder ein Raubtier. Ein ganz bestimmtes. Das letzte Mal, als ich so kaputt war, war vor drei Jahren. Am Junggesellenabschied. Meinem wohlgemerkt! Dieser verfluchte Tag, über den ich bis heute nicht sagen kann, ob’s ihn besser nie gegeben hätte, oder ob’s das Beste war, das mir jemals passieren konnte. Ganz klar, es war der Tag, der mich gezwungen hat, die Augen zu öffnen, aufgrund dessen ich Dinge herausgefunden hab, die ich ja eigentlich nicht bereue.

„Cameron. Meine Güte! Weißt du eigentlich, wie viel Uhr wir haben? Du bist ja völlig hinüber. Warum, um alles in der Welt, hast du dich so zugerichtet?“, hat Chris mich nach meinem Faststurz angeraunzt und zwar so laut, dass im Haus gegenüber das Licht im Erdgeschoss aufgeflammt war. Es war auch für mich zu laut, denn ich hab mal kurz aufgestöhnt und mir dafür einen bösen Blick eingefangen. Chris hat den ja auch irgendwie drauf, auch wenn er ja lieber gar keine Miene verzieht, wenn er dann mal so richtig angepisst ist.

„Weiß nicht!“ Mehr hab ich da vor meiner Haustür nicht von mir gegeben. Wie viel Uhr wir hatten, das wusste ich allerdings schon! Wär’s ein Montag gewesen, hätte ich es mir sparen können ins Bett zu gehen. Dafür hab ich dann aber im warmen Inneren des Hauses umso mehr gelallt. Was ich ihm alles erzählt hab, während er so wortlos war, bekomme ich nicht mehr ganz zusammen. Ich hab so einiges von mir gegeben, aber ob ich wissen will, was das so war? Der Grund vermutlich, warum ich jetzt alleine hier sitze. Noch eine Kippe anzünde und die vertrocknete Palme anstarre. Und zwischen alleine sitzen und alleine sein, gibt’s Täler voller Unterschiede.

Ich fühle mich … einfach alleine. Und das an einem Sonntag. An dem einzigen Tag in der Woche, an dem Chris und ich mal gnadenlos viel Zeit füreinander hätten.

Tjard war es, der gestern zuerst schlapp machte. Er wollte heim zu seinem Häschen. Das war ihm wohl zu viel Testosteron da im Sixtie. Tjard ist echt ein Freund. Immer noch mein Bester! Aber nicht mehr unbedingt derjenige, mit dem ich über mein merkwürdiges Sexleben spreche. Seit drei Jahren ist er auf jeden Fall nicht mehr ganz so lustig. Seit Busse nicht mehr in unserem Vierergespann mitzieht und Till nicht mehr wegzudenken ist, fühlt sich Tjard ein bisschen einsam, da auf der Hetenseite. Ich glaube, der weiß jetzt ganz gut, wie’s unserem Muskelmann Micky all die Jahre vorher mit uns so erging. Und dann hat er sich nicht mal getraut, alleine den Club zu verlassen. Memme, ehrlich wahr!

Ich muss ihn mal bei Gelegenheit fragen, ob sein Häschen schon seine Eier auf dem Gewissen hat. Hat in seiner Jeans vermutlich die Backen zusammengepetzt bis zum geht nicht mehr, vor lauter Angst, ein Schwuler könnte ihm zu nah kommen. Dabei müsste er doch wissen, dass ihm keiner an die Wäsche geht. Vor allem und gerade dann nicht, wenn Micky dabei ist. Ob er bei seinem Häschen zu Hause dann noch mal einen hochgekriegt hat, das bezweifele ich mal ganz stark. Glaub, sein Freund da zwischen den Beinen hat sich für den Rest der Nacht mal ganz klein gemacht.

Und Micky ist ja auch so ein Kandidat. Hat mal schön amüsiert zugeschaut, als ich die Bar leer gesoffen hab, nachdem er mindestens fünf Stubentiger bis zu mir vorgelassen und dann doch gemerkt hat, dass ich keinerlei Interesse an einem schnellen Fick hab. Erst da hat er sich dann bemüßigt gefühlt, die Kerle von mir fernzuhalten.

Das hätte ich auch noch selbst geschafft. Ehrlich wahr! Aber so konnte ich trinken, ohne einen Finger zu krümmen und zu viele Worte zu verlieren. Ich rede in meinem Beruf ja schon genug. Da gehen einem die Worte irgendwann mal aus.

Später sind wir dann gemeinsam ins Taxi gestiegen. Ein Wunder, dass ich Micky mit meiner nicht mehr leichtgängigen Zunge davon überzeugen konnte, dass er und Till zuerst aussteigen. Weil ich wohne halt doch am anderen Ende der Stadt. Bezahlt hat Micky das Taxi allerdings im Voraus. Das hat er mir dann doch nicht mehr zugetraut.

Ich werde aus meinen Gedanken gerissen, denn das Klappen der Haustür dringt in meinen Gehörgang. Ich vernehme Schlüsselklimpern und irgendetwas, das raschelt. Eigentlich kann es nur Chris sein. Ma und den Oberboss hört man, sobald sie in Reichweite sind. In der Regel klingeln die beiden auch, denn sie können ja nie sicher sein, was der Sohn gerade so treibt. Es muss also Chris sein, komme ich zu dem Schluss und mein Puls schnellt schlagartig in die Höhe. Ich höre seine Schritte auf den schwarzen Kacheln im Flur, höre, wie er seine Jacke auszieht und dann noch vier weitere Meter geht, bis er im Türrahmen auftaucht.

Ich starre ihn wohl gerade an. Gut, zugegeben, wahrscheinlich schaue ich eher ein bisschen überrascht aus der Wäsche und Chris taxiert mich. Ein Muskel zuckt über seinem klassisch schönen Wangenknochen, sonst verzieht er absolut keine Miene. Diese Ausdruckslosigkeit hat er perfektioniert. Das scheint er tatsächlich besser drauf zu haben, als den bösen Blick, der eigentlich auch mir vorbehalten ist.

„Na? Endlich wach?“, dringt seine dunkle, leicht schokoladige Stimme wie Balsam in mich.

„Bisschen.“ Ich nicke ihm wortkarg zu.

„Ausgeschlafen oder aufgehört?“

„Aufgehört!“

„Ich habe uns Frühstück mitgebracht, Panther.“

Darauf antworte ich jetzt mal nicht. Mein Magen ist flau. Dreht sich schon eine geraume Weile. Ich weiß aber, dass Essen bei mir immer recht gut hilft, darum sehe ich es mal positiv. Chris bewegt sich weiter auf mich zu. Nimmt mir die Kippe weg, zieht noch mal dran und drückt sie dann aus. Schiebt Aschenbecher und Päckchen aus meiner Reichweite und legt seine winterkalte Hand, mit den schönen, langen Fingern, die so zermürbend sanft sein, aber auch verdammt krass gut zupacken und kneten können, auf meine.

„Du zitterst, Cameron, und du siehst schlecht aus. Hast du heute schon in den Spiegel geguckt? Warum sitzt du hier und arbeitest, statt dich auszuruhen und deinen Kater auszuschlafen?“

„Geht nicht!“

Weil mir da viel zu viel im Kopf herumspukt. Du, Wolf, du spukst da rum und sämtlicher anderer Mist. Die Akte schlägt er zu, was ich eigentlich immer automatisch mache, wenn mir jemand zu nahe kommt, aber irgendwie funktioniert bei mir heute nichts mehr. Chris legt auch seine andere Hand noch auf meine freie, lässt sich mir gegenüber auf den Barhocker gleiten und fixiert mich mit dem schönen Grün seiner Augen. Ich kann nicht weggucken. Es geht nicht! Ich bekomme es einfach nicht hin. Selbst dafür fehlt mir die Energie. Eher platzt mein Kopf gleich.

Fuck the hell, tut der weh! Obwohl seine Finger eiskalt sind, steigt zusätzlich zu dem Pochen hinter den Schläfen eine immense Wärme in mir empor.

„Cameron? Ich möchte dich gerne was fragen. Antwortest du mir ehrlich?“

Uhm … ich … weiß nicht! Es ist meinem Beruf geschuldet, dass ich die Wahrheit schon gerne mal umgehe, wenn einem Mandanten damit geholfen ist. Daher zucke ich mit den Schultern und betrachte nachdenklich unsere Hände, die da so … schön und irgendwie selbstverständlich aufeinanderliegen. Sein Satz vor der Frage macht mir ein bisschen Angst. Ja, ich geb’s zu, mir wird wirklich mulmig zumute. Ich weiß auch, dass meine Finger schon wieder viel zu nervös unter seinen werden. Doch Chris unterbindet es einfach. Sofort eigentlich. Mit sanfter Kraft. Ich hab sowieso keine Gegenwehr parat. Es tut schon gut, von ihm ein bisschen in Schach gehalten zu werden.

Warum auch immer, aber Kati taucht in dem Wirrwarr an Gedanken kurz auf. Was hätte Kati gemacht? Sie hätte mich kurz … na ja … umarmt. Was hätte sie noch gemacht? Gefragt, wo ich war! Das war immer das Wichtigste für sie! Mit wem, wäre dann die zweite Frage gewesen. Und dann? Vermutlich hätte sie ihrem Unmut über meinen desolaten Katerzustand etwas Luft gemacht. Chris tut das nicht. Er sieht mich einfach nur an. Mit leicht geöffneten Lippen, zerzausten Haaren, weil er sich vor der Haustür vermutlich den Schnee rausgeschüttelt hat und todernstem Blick. Vermeiden kann er es dennoch nicht, dass seine Augen mit jeder Sekunde Ton um Ton dunkler werden.

„Ich hatte gestern den ganzen Tag über das Gefühl, dass du an einem Punkt angekommen bist, an dem du dich von mir abwenden willst. Dass du heute Nacht nicht zu Hause warst …“, beginnt er und mir gefällt’s jetzt schon nicht. Gar nicht! Überhaupt nicht!

Ausgerechnet jetzt fängt er damit an? Ich bin noch nicht soweit. Nicht bereit, meine Gedanken zu ordnen und ihm ein Ergebnis mitzuteilen. Mein Kopf kann mit Chris heute sowieso nicht mithalten.

„… das war ein Zeichen, oder? Willst du mich loswerden, Panther?“

HA-HAHAHA!

So ist meine Nachtaktion also bei ihm angekommen? Diese völlig stupide und sinnlose Aktion? Am Ende hab ich ihn einfach nur schmerzlich vermisst. Seit ich hier sitze, vor mich hin grüble und versuche, mich durch Arbeit abzulenken. Ertappt schaue ich nach unten und atme tief durch. Würde gerne einen Schluck Kaffee trinken, um meine Geister noch ein wenig zu wecken, aber seine Hände möchte ich auch bei mir behalten.

„Tu’s nicht“, murmelt er da aber auch schon, als Reaktion auf mein Schweigen. „Gib mir noch eine Chance, ja? Mache ich was falsch, Cameron? Ich bin nicht so gut in Beziehungssachen.“

Gooott, Chris. What the fuck, hm?

„Bist perfekt für mich! Dachte, das wüsstest du! Das hat auch nichts mit dem Mantelkauf zu tun“, nuschle ich zurück. „Es liegt an mir. Bin einfach in letzter Zeit mehr als unzulänglich und das kenne ich so gar nicht von mir.“

„Cameron, bitte! Ich wollte dich nicht kaufen, ich hoffe, das weißt du. Aber ich … habe diesen Job zu erfüllen und zwar bis Ende des Jahres. Ich sehe dir an, dass deine Frist für unser Abkommen immer kürzer wird und am Auslaufen ist. Ich arbeite nun mal im Black Stage und ich kenne nichts anderes. Bis vor wenigen Wochen habe ich meinen Job sogar ziemlich gerne gemacht. Wirklich gerne! Ich mag Sex und das in fast allen Spielvarianten. Aber … jetzt ist es anders. Seit du aufgetaucht bist und … dich in mein Leben geschlichen hast. Du gehst mir nahe, Panther. Viel zu nahe. Ein Umstand, den ich nie für mich zulassen wollte und wenn du mich jetzt hängen lässt, dann …“ Chris zieht Luft in die Lungen. Atmet tief durch, drückt meine Finger und erhebt sich. Vermutlich, weil er sich einfach beschäftigen will. Der Griff nach meinen Zigaretten wundert mich gerade kein bisschen.

„Was dann?“ Eigentlich … will ich es gar nicht wissen. Denn was er vorher gesagt hat, war schon ziemlich schön. Aber der Anwalt in mir stellt die Frage ganz alleine.

„Nichts! Vergiss es. Es ist dein gutes Recht. Vielleicht ist es auch besser so!“, antwortet er abrupt und diesmal ist er es, der zittert, als die Kippe zwischen seinen Lippen landet. Mit diesem scheiß Satz vernichtet er alles, was er zuvor von sich gegeben hat. Viele schöne Sachen waren das! Fand ich zumindest!

„Ich hatte nicht vor, heute Nacht die Flinte ins Korn zu werfen, Chris. Aber es wird mir … irgendwie zu viel. Es ist so ein schleichender Prozess, verstehst du? Dich nachts in diesem komatösen Zustand von deinem Job kommen zu sehen, ist genauso unerträglich und geht mir an die Nieren, wie das Wissen und Nichtwissen darum, wer dich anfassen durfte. Wen du … bedient hast, bevor du dich im frühen Morgengrauen an mich drückst, wer dich benutzt hat und…“ Genau in diesem Moment dreht sich mein ohnehin kaputter Magen um und ich muss wirklich an mich halten … Atme tief durch. „… und weiß Gott noch alles mit dir macht. Es tut unglaublich weh. Ich kann das nicht mehr lange. Ich schaffe das nicht. Vielleicht bin ich selbstsüchtig, nenne mich meinetwegen egoistisch und intolerant. Bin ja schon immer ein bisschen Snob und Arsch gleichzeitig gewesen. Aber ich schaffe es einfach nicht, hier für mich eine gesunde Grenze zu ziehen. Deinen Job Job sein zu lassen. Es zerreißt mich, Chris. Und ich kann nichts dagegen tun. Ganz im Gegenteil! Ich muss zusehen, wie dich der Wechsel zwischen Job und mir ganz schön kaputt macht. Weißt du, es ist ja auch irgendwie meine Schuld! Weil ich dich vorsätzlich zum Wanken bringe und dich von deinem Weg schubsen will, den du seit Jahren gehst. Obwohl du so kurz vorm Ziel bist, deine Träume zu verwirklichen.“

Chris schweigt. Steht da, raucht die Kippe zu Ende und schaut mich an. Das Schweigen zieht sich, als er beginnt, den Tisch zu decken, meine Akten komplett wegräumt und für sich einen Kaffee aufbrüht. Er lässt sich massig Zeit.

Es ist okay. Eilig hab ich es nicht. Jetzt zumindest nicht mehr. Vielleicht … Ja, vielleicht hat er ja Recht und es ist besser so! Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Ich bin ja nicht so der Typ für die erste Variante, sondern reize immer mal ganz gerne meine Grenzen aus. Aber Chris schweigt immer noch. Im Einklang mit mir.

Wo wird es also enden, Chris? Hier? Ich sehe kein Ende. Und ich will es auch gar nicht. Was ist schon ein Monat? Was sind schon ein paar verfickte Sondertermine ab Januar? Für mich bedeutet es, dass ich dich mit anderen Männern teilen muss. Immer und immer wieder! Für mich bedeutet es, dass wir noch viele Monate Safer Sex haben und ich mit dem Mann, den ich liebe, nie in den Genuss kommen werde, ohne diese blöden Dinger auszukommen. Und jeder Tag wäre für mich eine absolute Grenzerfahrung. Aber … ich packe das. Ganz sicher sogar!

Chris ist fertig mit dem Hantieren. Setzt sich mir gegenüber und nickt mir zu. Lautlos und mit ausdrucksloser Mimik. Es ist so ein beschissenes, wissendes Nicken. Ich hätte es schöner gefunden, wenn er den Kopf geschüttelt hätte.

„Lass uns noch einen schönen Tag haben, ja?“, beginnt er und ich sehe eigentlich nur an seinen vor Feuchtigkeit schwimmenden Augen, wie nah es ihm wirklich geht. Er kann einfach nicht aus seiner Haut raus. Genauso wenig, wie ich das kann. Ich kann nicht mal in Worte fassen, wie es mir gerade geht. Beschissen, wäre ein bisschen untertrieben. Trocken sind meine Augen irgendwie auch nicht mehr.

„Lass uns einen verdammt schönen Tag haben“, bestätige ich mit rauer Stimme und schlucke den Kloß in meinem Hals mal ganz tief nach unten, bevor sich die Tränen tatsächlich einen Weg aus dem Augenwinkel nach draußen bahnen können.

Der Kampf ist zu Ende. Ich hab keinerlei Entscheidungen mehr für mich zu treffen. Chris hat’s mir abgenommen. Ich glaub, er hat es mehr für mich, als für sich selbst getan. Irgendwie!

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Bericht Re: Duits | Eigentlich ... door Redactie » woensdag 19 augustus 2015 14:49

25.


Wir reden viel, am Frühstückstisch. Würde es jetzt nicht mal Nonsens nennen, aber die Unterhaltung plätschert vor sich hin. Und zwar stetig bergab. Dieses Ziehen in meiner Hand, ein schmerzhaftes Ziehen, das sich von meinem Muskel beginnend bis in die Fingerspitzen gräbt, begleitet mich allerdings. Wir wissen beide, was wir heute noch voneinander zu erwarten haben und eigentlich will ich es auch gar nicht weiter hinauszögern. Ich möchte jede Sekunde genießen, die Chris noch bei mir sein wird. Chris allerdings, hat’s irgendwie geschafft, seinen inneren Kampf zu verbergen.

Er wirkt gelassen, nicht so verkrampft wie ich. Aber in seine Augen schaue ich lieber nicht mehr rein. Was ich da in einem kurzen Anfall von Schwäche gesehen hab, gefällt mir nicht. Das ist nämlich grandios kontrovers zur Beendigung unserer Dann-und-Wann-Beziehung. Millionen von Sätzen liegen auf meiner Zunge und schaffen den Weg nicht nach draußen. Millionen von Formulierungen, ihn überreden zu wollen, es weiter laufen zu lassen und doch gelingt es mir nicht, eine einzige davon auszusprechen. Es wäre eine Bergabfahrt bis hin zum unvermeidbaren Crash. Ich rede es mir ein, wie ein Mantra, dass es so besser sein wird. Chris findet das und ich kann ihm in der Hinsicht nicht mal widersprechen.

„Fertig?“, schwebt seine Frage im Raum, als er den Frühstücksteller beiseiteschiebt und erneut nach meinen Kippen angelt. Ich nicke und … bekomme von ihm eine angesteckt und zwischen die Lippen geschoben. Diese Geste ist so aberwitzig normal geworden, dass ich es … Gooott, ich werde es vermissen. Werde vermissen, wie seine Finger dabei immer meine Lippen berühren. Für eine Millisekunde immer nur und doch ist es für mich ein Stück Intimität geworden.

„Und jetzt?“

Uhm … ich weiß nicht. Doch! Eigentlich schon … Ich will dich spüren. So nah, wie es nur irgendwie geht. Und zwar für den Rest dieses unheilvollen Sonntags.

Heute vor zwei Wochen hat das zwischen uns angefangen. Zwei Wochen lang schleichen wir nun mehr schlecht als recht um diesen prekären Brei herum und versuchen das Beste daraus zu machen. Und das nach Möglichkeit mit hocherhobenem Kopf und durchgedrückten Schultern.

Fuck you all, ehrlich wahr!

Ich stehe auf, drücke die Kippe aus und weiß schon in diesem Moment nicht mehr, wie ich meine Hände beschäftigen soll. Meine Nerven liegen blank. Dafür ist mein Kopf wieder klarer. Chris macht es mir nach. Endlich schaffen wir es auch, uns mal wieder so richtig anzusehen. Auf Augenhöhe! Ich spüre, wie er versucht, sich mit seinem Blick in mir festzuklammern. Seine Augen drücken Verzweiflung, Hoffnung und Trauer gleichzeitig aus. Es ist ein Hilferuf, der bei mir ankommt. Ich kann nicht mehr wegschauen. Es geht nicht. Langsam komme ich um den Tresen herum und ziehe ihn am Bund seiner Jeans zu mir. Beantworte seine Frage, die noch unbeantwortet im Raum schwebt.

„Jetzt finden wir beide mal gemeinsam heraus, was wir ab morgen alles vermissen werden. So ohne einander.“ Leise bin ich. Eigentlich braucht es auch keine lauteren Worte. Die Couch im Wohnraum ist mein Ziel und ich schiebe Chris rückwärts, ganz dicht vor mir her. Mit schleichendem Gang. Sein Gesicht ist so nah, dass ich seinen Atem spüre, ihn riechen kann und ich würde so gerne die Augen schließen und den Moment genießen. Aber dann müsste ich den Blickkontakt abbrechen. Das geht nicht. Nicht jetzt!

Seine Lippen bewegen sich. Er will was sagen, aber es kommt kein Ton aus ihm heraus. Stattdessen lässt er seine Hände sprechen. Zermürbend sanfte Kuppen, die unter mein T-Shirt fahren und meine ohnehin erhitzte Haut an den Berührungspunkten zum Aufflammen bringt. Gänsehaut überzieht meinen Rücken, ein Stöhnen entkommt mir.

„Ich werde dich vermissen. Weiß es jetzt schon“, nuschle ich und lasse meine Lippen über seine kratzige Wange gleiten. Spüre seinen Vibrationen nach, die durch ihn hindurchgehen. Lausche seinem Raunen, das einem Keuchen gleichkommt und lecke mich genüsslich langsam über seine Halsschlagader, in der sein Blut in Höchstgeschwindigkeit pulsiert. „Ich bin Arbeitsrechtler, Chris. Ich kann dich aus deinem Vertrag rausholen, … wenn du das möchtest und Thomas dich nicht freistellen will.“

„Das ist es nicht, Cameron. Ich habe es bereits publik gemacht, dass ich ab Januar nur noch sporadisch bediene. Die Buchungen bis Ende November quellen über und wenn ich am Dreißigsten des Monats die Termine für Dezember rausgebe, was bereits jeder weiß, wird das Telefon nicht mehr stillstehen, bis auch diese ausgebucht sind. Ich habe das Gefühl, ich bin es meinen Kunden auf irgendeine Art und Weise schuldig. Und … es ist mein Abschied. Nur noch ein Monat und … “

„… eine verdammt lange Zeit“, antworte ich immer noch leise und schiebe ihn weiter, bis er an der Kante der Couch aneckt und sich in die Polster sinken lässt. Immer tiefer sinkt, mich mit seinen Händen an meiner Hüfte mitreißt und unsere Lippen sich dabei mehrmals berühren. Mein Knie drückt zwischen seine Schenkel, verdächtig nah an seinem Gehänge. Doch statt zurückzuzucken, kommt sein Hintern auf dem Glattleder immer näher ran ans Verderben und drückt sich an mich.

„Hilft es dir, wenn ich sage, ich bin lieber bei dir, statt dort?“, krächzt er rau auf und streift mir hastig das Shirt über den Kopf. Chris hat keine Zeit mehr. Ungeduld macht sich breit.

Wow … ich … Meine Güte, Chris. Du galoppierst mir heute mit deinen Offenbarungen ein wenig zu schnell.

Ich blinzele heftig, schlucke die krasse Gefühlsduselei, die sich da als Kloß in meinem Hals bildet, mal ganz schnell runter und pinne ihn mit meinem Gewicht auf der Sitzfläche fest. Chris liegt mittlerweile, mein Knie drückt an seinen Schritt und er findet es … echt gut. Glaub ich jetzt mal. Rollt mit den Augen, legt den Kopf in den Nacken und stöhnt verhalten auf. Seine Finger nesteln am Bund meiner Jeans und zerren daran, doch ohne Erfolg. Wo er doch sonst immer so geschickt ist. Ich ziehe sie selbst aus und stoppe ihn, als er mir auch die Unterhose abstreifen will. Das hier will ich, verdammt noch mal, in eine unendliche Länge ziehen. Möchte genießen, wie er sich unter mir windet und … echt begierig anfängt zu betteln. Mit ganzem Körpereinsatz!

Lieb dich, Chris. Und ich brauche diese drei Worte nicht von dir. Und ich weiß, dass du ohne mich genauso am Arsch bist, wie ich das sein werde.

„Du bist ungeduldig“, flüstere ich heiser und schiebe meine Hand unter seinen leichten Pulli. Streichle über seine glatte, warme Haut, taste mich über seine dezenten Muskelstränge, die sich so lecker aneinanderreihen und reibe mit den Daumen über seine Brustwarzen.

Jedes Keuchen und jeder noch so kleine Laut von ihm klingt in mir nach. Jedes Aufbäumen, Anspannen und Entgegenrecken seines Unterleibs und seines Oberkörpers, sehe ich als Bestätigung an. Als Bestätigung, wie sehr er unser Zusammensein herbeisehnt. Mit dem Knie reibe ich sachte an seinem Schritt, während Chris mir zwischen seinen Schenkeln bereitwillig Platz macht. Sich von mir ausziehen lässt und ich jeden Zentimeter von ihm betrachte, um ihn nie mehr zu vergessen.

Schön ist er! Sportlich schlank, trainiert und groß. Mit seinen braunen Haaren und dem manchmal arroganten, manchmal aber auch traurigen, fröhlichen oder misstrauisch schimmernden Grün seiner Augen. Sein Gesicht, klassisch geformt, sein unverwechselbarer Körpergeruch, seine Gesten und Mimik, die am Frühstückstisch eingefroren waren und endlich am Auftauen sind, sein Lachen, sein Humor, seine provokante Art, der Welt ins Gesicht zu spucken … Er ist ein Mann zum Verlieben. Wieso hat das vor mir noch niemand entdeckt?

Für mich ist er perfekt. Gleichauf mit mir und doch grundverschieden. Nicht unerreichbar, wie ich es damals befürchtet hab. Aber er ist auch nicht dafür bestimmt, nur von einem Mann, von mir, begehrt zu werden. Abschied will er von seinen Kunden nehmen. Nimmt sich einen ganzen Monat Zeit dafür. Er schafft es einfach nicht loszulassen, was sein Leben begleitet hat. Unser Abschied hingegen, gehört in wenigen Stunden der Vergangenheit an.

Gerade fühle ich mich ein bisschen hintangestellt. An das Ende der unendlichen Reihe an Männern. Und weiß, dass es eigentlich … genau andersherum ist. Wenn ich es jetzt laut ausspreche, kann ich mir sicher sein, dass er mich auslachen wird. Aber ich kann mich nicht mehr wehren, gegen das, was da seit Tagen, Wochen, Monaten und gar Jahren in mir vorgeht.

„Hey.“ Sein Gemurmel dringt zu mir vor und seine Kuppen streichen über meine Seiten und meinen Rücken hinunter. Berühren empfindliche Hautpartien, die mich aufschnurren lassen. „Gefällt dir, hm?“

„Du bist ein Teufel“, hauche ich zurück und Chris lacht leise auf. Ich liege auf ihm, Haut auf Haut, stütze mich seitlich seines Kopfes mit dem gesunden Arm ab und spiele mit meinen Fingern, die aus dem Gips rausschauen, an seinen Strähnen herum. Ich weiß, dass er das liebt und es bis zum Maximum auskosten wird und ich grabe mich immer tiefer in seinen Schopf. Seine Finger gleiten währenddessen immer weiter an meinem Körper abwärts, erst am Rand der Boxer entlang, wo ich extrem … na ja … kitzelig bin, dann darunter und legen sich auf meine Arschbacken. Drücken leicht zu und beginnen eine anregende Massageeinheit. Machen mich buttrig und weich und … anschmiegsam wie ein Katerchen. Heiß ist mir … grandios heiß und ich … möchte ihn nie mehr loslassen müssen.

„Nicht so viel denken, Panther. Wir sehen uns wieder“, gibt er von sich und meine Lippen finden zu seinen. Werden von ihm empfangen, von seiner Zunge, die meine gleich darauf umschmeichelt. Ich gebe Gegendruck mit meinem Unterleib, der von seinen Händen schön unterstützt wird und spüre seinen Ständer durch seine schwarze Pants hindurch. Die heiße, endgeile Reibung unserer Ständer durch die dünnen Stofflagen hindurch, entfacht ein wahres Feuerwerk in mir. Ich spüre, dass meiner da unten schon tropft und … kann’s ihm kaum verdenken. Unsere Beiden werden heute noch zu ihrem Recht kommen. Vorher lasse ich den Wolf unter mir garantiert nicht aus meinem Haus herausspazieren.

Immer schneller, immer härter, stoßen unsere Hüften gegeneinander. Unsere Atmung passt sich dem grandios geilen Rhythmus an. Fucking good! Ich will’s nie wieder missen. Nie wieder! Wenn ich doch nur einen Wunsch frei hätte. Bald ist doch Weihnachten. Ich werde mal einen imaginären Wunschzettel schreiben.

Seine Wangen mit den Händen umrahmend, ziehe ich seine Unterlippe zwischen die Zähne und warte, bis er seine Augen aufschlägt. Heiße Leidenschaft ist es, die mir entgegenschlägt.

Du bist wie ich, mein Raubtier! Du bist alles für mich!

Chris brummt ungeduldig und bockt ein wenig, aufgrund der Fixierung seines Körpers unter mir. Er will die Oberhand gewinnen, weiß ich doch! Daher lasse ich auch gleich mal noch ein bisschen mehr Gewicht auf ihn runter. Jetzt wird er es kaum noch schaffen unter mir wegzukommen. Ich werde es einfach nicht zulassen. Er keucht auf, klapst mir grinsend auf die Arschbacke, bis ich schmunzeln muss und zappelt ein weiteres Mal.

Hmm … kraul mich weiter. Da stehe ich drauf, weißt du doch.

„Ich hab eine Ansage zu machen“, nuschle ich und lasse seine Lippe wieder frei. Aber nicht, ohne meine noch mal kurz auf seine zu pressen. „Zieh deinen Job durch … Schatz! Mach, was du für nötig hältst, bis es dir damit gut geht und komm dann zu mir zurück.“

Sein Gesicht verzieht sich, kaum, dass ich ausgesprochen hab. „Hey …“, rüge ich ihn und drücke meinen Schwanz noch ein wenig aufreizender an seinen. Hole mir noch einen festen Kuss, der ihn dann doch wieder zum Lachen bringt. „Ich meine das ernst!“ Erbost schnaube ich, während meine Mundwinkel bereits nach oben zucken.

„Schatz, hm?“ Chris grinst unter mir und zieht pikiert eine Braue nach oben. Greift mal kurz und fest an meinen Hintern und stößt sich gegen mich.

„Das war für das Baby, das du mir freundlicherweise irgendwann mal hast zukommen lassen“, antworte ich, schmunzele und fahre mit den Fingern durch den Ansatz seiner Nackenhaare und meine Daumen streichen über seinen Hals, direkt unter seinen Ohren, bis er leise und zustimmend brummt.

Das mag er. Ich weiß das und … es tut so gut, dies und noch viel mehr von ihm zu wissen. Dinge zu wissen, die andere mit Sicherheit nie herausgefunden haben.

„Cameron, ich …“

„… ich möcht’s so gerne versuchen. Dann, wenn du bereit bist, deinen Job loszulassen.“

Chris nickt. Atmet schwer unter mir aus und zieht mich am Nacken wieder an seinen Mund. „Das heißt, du wartest auf mich?“

„Nicht noch mal drei Jahre!“ Für diesen Spruch bekomme ich auch noch die Finger seiner anderen Hand auf meinem Hintern zu spüren und stöhne rauer auf. Ich bin geil bis zum Umfallen.

Der Abschied ist krass. Megakrass! Aber verabredet haben wir nichts mehr. Im Auto sitzend sehe ich ihm nach, wie er auf seinen Bungalow zuläuft. Hab auch gerade mal ein Déjà-vu. Aber heute werde ich ihm nicht nachlaufen. Trennung sei Dank! Es war eine zuckrige Trennung. Zwischendurch vielleicht ein bisschen wild … Oar … Ich glaub, so schnell hab ich keine Gelüste mehr und mein Hintern wird’s mir danken. Chris hat gelacht und mich mit feurigem Blick angeschaut, als ich unter der abschließenden Dusche das Gesicht verzogen und seine Finger weggehauen hab.

„Weiß gar nicht, was du hast. Mir geht’s gut … “, hat er mir siegessicher zugeraunt. Arsch, ehrlich wahr! Training zahlt sich aus, oder was? „Lass keinen anderen Boy da dran, ja? Ich möchte gerne der Einzige bleiben“, beendete er den Satz dann noch leicht heiser.

Und jetzt? Jetzt ist Schluss. Die Dann-und-Wann-Beziehung beendet. Ich zünde den Motor und fahre Richtung Kanzlei. Ich werde ewig brauchen, um alles wieder zu vergraben, was in mir wütet. Hab ja ab heute massig Zeit, das Nachdenken auf ein unbestimmtes Datum zu verschieben.

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Bericht Re: Duits | Eigentlich ... door Redactie » woensdag 19 augustus 2015 14:50

26.


Uli ist es, der mir einen echt blöden Strich durch die Rechnung macht. Gleich am Montagmorgen, kaum dass ich durch die Tür der Kanzlei bin.

„Cameron, guten Morgen. Wieso kommst du erst jetzt?“

Joar … bin spät! Weiß das! Aber alles hat so seinen Grund, Partner. Ich kann mich auch gar nicht daran erinnern, dass ich hier nach Stunden bezahlt werde. Bleib also mal ganz locker, Kamerad Ulrich.

„Hab ausgeschlafen“, murre ich und dränge mich an meinem Nicht-Chef vorbei, um mein Büro zu erreichen. Und wie ich ausgeschlafen hab. Mit meinem Raubtier auf mir. Eigentlich … sollte ich jetzt traurig sein, denn das, was ich heute Nacht hatte, wird lange Zeit, vielleicht sogar für immer, nur noch in der Erinnerung leben. Aber gegenüber Uli macht sich irgendwie ein kleines Glücksgefühl breit und ein bisschen Schadenfreude nistet sich auch in mir ein.

Ich hab heute Nacht das gehabt, auf was du täglich verzichten musst, Partner. Fuck! Tut das gut! Ehrlich wahr!

Uli folgt mir, was mir mehr als lästig ist. Kann der mich, zum Teufel noch mal, eigentlich mal einen Tag lang in Ruhe lassen? „Ich brauche heute deine Entscheidung“, hält er mich dann tatsächlich mit einem einzigen Satz vor meiner Bürotür auf und ich bleibe so abrupt stehen, dass Uli mal ziemlich schmerzhaft in meinen Gipsarm hineinrennt.

Also … ihm hat’s wehgetan. Meine Schadenfreude übertüncht das mittlerweile abklingende, dumpfe Pochen in meinem Arm.

„Bekommst du heute noch, okay? Lass mich erst mal ankommen, Uli. Du könntest mir einen Kaffee zum Wachwerden bringen. Ich bin immer noch nicht ganz bei mir. Schwarz bitte.“

Uli bekommt einen klassischen Fall von Schnappatmung, während ich meinen grandiosen Sarkasmus auspacke. Und dann wird er auch noch niedlich rot vor Scham. Ich möchte mal behaupten, sein Kopf schwillt mit seinem Hals um die Wette an. Fehlt nur noch der Rauch aus den Ohren … Uhm … „Komm gleich zu dir rüber, Uli, ja? Krieg dich wieder ein. Termine?“

„Ich in einer halben Stunde. Du erst heute Mittag!“

„Weiß ich. Hätte also noch gut und gerne drei weitere Stunden in meinem Bett liegen können.“

Und Chris noch mal ablecken können. Von oben nach unten … oder einfach noch ein bisschen schlafen sollen. Denn die Nacht war grandios kurz gewesen.

„Dein Kaffee, Cameron!“

Jetzt schnappt Uli gleich noch mal nach Luft. Hahaha… Dreht sich weg und schließt weniger würdevoll, dafür aber doch noch recht leise, meine Tür hinter sich. Respekt Uli! Ernsthaft! Ich wäre vermutlich einen kleinen Tick lauter gewesen.

„Was hat er denn?“

„Du bist ein Schatz, Marie-Claire. Dankeschön für den Kaffee.“

Sie lächelt mich an und hilft mir auch gleich noch aus meinem neuen Mantel heraus, streicht einmal völlig in Gedanken versunken über den Gipsarm und schüttelt den Kopf.

„Alles gut?“, will ich von ihr wissen, denn … sie schaut so komisch versonnen.

„Wie lange brauchst du den Gips noch?“, hakt sie nach und hängt meinen Mantel an den dafür vorgesehenen Platz.

„Weiß nicht. Zwei, drei Wochen vielleicht.“

„Also heilt das noch vor Heiligabend?“, fragt sie und himmelt mich da urplötzlich an und ich … verkrieche mich mal ganz dezent hinter meinem Schreibtisch und fixiere das schwarze Gebräu in der Tasse.

„Hmhm“, antworte ich und der Duft der frisch gemahlenen Bohnen lässt mich genießerisch schnuppern. „Warum fragst du?“ Uhhhh … ich klinge wie ein Reh, das ins Visier genommen worden ist.

Doch Marie-Claire lächelt mich wieder ganz offen an. „Ich mag dich, Cameron. Ich würde mich einfach freuen, wenn wir ab und zu mal was unternehmen könnten. So als ganz normale Freunde natürlich. Ohne … du weißt schon.“

„Ohne das Gefühl aufkommen zu lassen, dass daraus mehr werden muss?“

Jetzt schluckt sie und nickt. Und eine bezaubernde, feine Röte zieht sich über ihre Wangen, weit entfernt von Ulis Rotradar.

„Ich weiß ja, dass du …“

„… schwul bist!“

„Ja, und ich weiß nicht, ob du überhaupt noch mit Frauen …“

„… kommunizierst?“ Ich grinse übers ganze Gesicht, als ich sie mit einem Kopfnicken dazu auffordere, sich in einen der Stühle vor meinem Schreibtisch zu setzen. „Da hast du wohl großes Glück, Marie-Claire. Du bist tatsächlich eine der wenigen Frauen, die mir nach meinem Outing nicht die Eier abreißen wollten. Mein Pech, das meine weiblichen Bekanntschaften ausschließlich Freundinnen meiner Ex-Verlobten waren und immer noch sind. Fühle dich also geehrt!“ Ich zwinkere ihr zu. „Wenn du da also keine Hoffnungen hegst, können wir gerne auf die Freundschaftsschiene wechseln.“

Sie strahlt mich an. Übers ganze Gesicht.

Ach Mann, du bist schon eine Hübsche, Marie-Claire. Ernsthaft! Kann immer noch nicht glauben, warum das Häschen keinen Mann abbekommt. Aber ich bekomme ja auch keinen. Vielleicht ist sie ja genauso wählerisch wie ich das irgendwie bin.

„Das ist toll, Cameron. Ich freue mich riesig. Weißt du, die haben doch am Rande der Stadt die Eisbahn für die Wintermonate auf dem Festplatz aufgebaut. Hast du Lust? Also, ich meine, erst, wenn dein Arm wieder ganz gesund ist.“

Ich? Eislaufen?

HA-HAHAHA!

Ausgerechnet ich?

„Es macht wirklich großen Spaß. Wir könnten danach einen Glühwein trinken gehen und über den Weihnachtsmarkt schlendern.“

So völlig normal halt. So grandios normal, dass mich die Sehnsucht nach Chris packt und ich eigentlich nichts anderes will, als mit ihm zusammen zu sein. Dennoch nicke ich. In ein paar Wochen, wenn der Gips am Arm weg ist, ist die Wunde in mir vielleicht auch wieder ein bisschen verheilt.

„Glaub zwar nicht, dass ich mich geschickt anstelle, aber warum nicht? Ist aber noch hin!“, antworte ich ihr und ich glaub, es war die richtige Antwort.

„Oh … wow … ja … Hach, ich freu mich, ehrlich, Cameron!“

„Freunde nennen mich meist Cam, Marie-Claire.“

„Und mich Marie. Ich mag das Claire nicht so gerne.“

„Also dann, Marie … Dann haben wir jetzt eine Verabredung unter Freunden, ja?“ Uhm … ich weiß nicht so recht! Andererseits … warum eigentlich nicht?

Bis ich bei Uli im Büro auftauche, ist schon ziemlich viel Zeit vergangen. Hab Marie-Claire, also die Marie, noch gebeten, einige Mandantentermine vorzuverlegen. Ich muss diese Woche noch auffüllen. Bis in den letzten Winkel und am besten bis in die Abendstunden hinein. Damit ich nicht in die dämliche Versuchung komme, vor sieben Uhr abends die Kanzlei zu verlassen und auf dem Heimweg doch noch falsch abbiege. Hin zu meinem einsamen Wolf, der meist um halb acht seine Wohnung verlässt.

Ich lege die Akten auf Ulis Tisch und stecke verzagt meine Hände in Hugo Boss’ Taschen. Wippe ein bisschen mit den Füßen auf dem hochwertigen Boden und warte drauf, bis Uli sein Telefonat beendet. Sein kritischer Blick verheißt ja jetzt schon nichts Gutes. Also der Blick, der erst den Akten und dann mir gilt. Uli schnauft aus, legt den Hörer auf und steht auf. Langsam! Ob mit Bedacht oder seinen glimmenden Funken Wut in sich schürend, das weiß ich nicht so genau.

„Und?“

Na ja … blöde Frage, was? „Mach das nicht. Tut mir leid, Uli, aber ihr müsst euch jemand anderen suchen.“

„Verdammt, Cameron. Wir haben fest mit dir gerechnet.“

„Wir?“

„Ja, wir! Thomas und ich! Und die anderen wissen auch schon halbwegs Bescheid.“

„Wurde Chris auch gefragt?“

Uli nimmt sich eine Schweigeminute. Vielleicht sind’s auch zwei, in denen er die Akten wieder ordentlich wegschließt und so tut, als wäre ich gar nicht anwesend.

„Thomas ist derzeit noch Chef“, spricht er dann weiter. „Ich habe lange und ausführlich mit Thomas über dich gesprochen, Cameron. Woran liegt es? Du bist doch sonst immer so sozial eingestellt und kämpfst für Gerechtigkeit?“

„Bin ich. Aber der Einzige, der diese Entscheidung zu treffen hat, neben mir wohlgemerkt, der wurde nicht gefragt. Daher … Nein, ich mache das nicht!“

Auf dem Absatz drehe ich mich um, verlasse Ulis Büro und widme mich lieber meiner Arbeit, die sich auf meinem Schreibtisch türmt. Freue mich etwas später am Tag sogar darüber, dass eine Anwaltskollegin, jene, von deren Mann ich die Unterhosenmarke schon kenne, wegen Krankheit ausfällt und ich, zum Erstaunen der drei übrigen Kollegen, neunzig Prozent ihrer Termine freiwillig übernehme. Ihr Seitensprungkollege Billy übernimmt keine einzige Akte. Soviel zum Thema Kollegialität! Oder sollte ich besser sagen, zum Vögeln ist sie gut genug? Bin dann wohl mal mehr als ausgelastet. Ist gut so! Und wirklich besser für mich!

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Bericht Re: Duits | Eigentlich ... door Redactie » woensdag 19 augustus 2015 14:51

27.


Drei Tage hab ich jetzt durchgearbeitet. Bin ausgelaugt und… fertig mit den Nerven. Es ist Mittwochabend! Ich starre dreimal auf mein Handy, auf den Namen von Chris, bevor ich seinen Anruf letztendlich entgegennehme.

„Hey.“ Ich bin leise. Bin sowieso völlig übermüdet und sitze im Wohnzimmer auf der Couch, zwei Akten neben und einen unberührten Döner vor mir auf dem Tisch. Hunger hab ich keinen. Appetit gerade schon, als Chris mit seiner schokoladigen, dunklen Stimme anfängt zu reden.

„Hey, Panther! Störe ich?“

„Nie! Weißt du doch!“

Chris lacht leise auf, während mein bescheuerter Muskel einfach draufloshämmert. Ich lehne mich ein bisschen zurück, schließe die Augen und lasse sein wunderbares Lachen mal schön langsam auf mich wirken. Reichere mich damit an, denn er fehlt mir in allen Belangen. Seine Präsenz. Sein Funkeln in den Augen. Seine weichen Lippen, die mich immer so verflucht schnell und zielgerichtet um den Verstand bringen können. Seine Nähe und Wärme. Sogar so Kleinigkeiten, wie kurze, unbedachte Berührungen. All das scheint so weit weg, dabei sind es gerade mal drei Tage. Darum nehme ich jetzt mal das, was ich bekommen kann. Seine Stimme! Ist nicht viel, aber besser als nichts.

„Thomas hat mich gestern gebeten, dich noch mal zu kontaktieren, Cameron. Es geht um den Rechtsbeistand für das Black Stage. Uli sagt, du willst nicht mit einsteigen?“

„Das hat nichts mit wollen zu tun, Christopher. Bisher hast du nicht durchblicken lassen, wie du dazu stehst. Erfreut warst du ja nicht, als ich es dir erzählt hab. Ließ mich vermuten, dass es dir nicht ganz so recht ist. Was ich verstehen kann, Chris, hörst du? Uli kennt viele Anwälte. Es muss ja nicht ausgerechnet einer sein, der schwul ist. Kommt ja dann doch ein bisschen mehr auf die Qualität seiner Arbeit an und nicht auf seine Vorzüge im Bett, nicht wahr?“

Chris schnauft aus und … dann herrscht eine eisige Stille.

„Bist du noch dran?“



„Chris?“



„Was ist los, Wolf? Rede mit mir!“ Gerade sitze ich nicht mehr bequem. Sondern alles andere als das. Stehe auf und schleiche nervös durch mein Wohnzimmer. Unruhe packt mich.

„Wo bist du, Chris?“

„Im Black Stage“, antwortet er leise und ich höre seine abgehackte Atmung. Und wenn ich richtig fest lausche, klingt durch den Hörer auch der Beat des Clubs bis zu mir rüber.

„Ich komme vorbei“, lasse ich ihn kurzerhand wissen.

Es dauert eine Weile, bis ich mich vorzeigbar finde und auch ewig, bis ich die Strecke abends um zehn mit dem Auto geschafft hab. Denn meine Sorge um Chris, dieser Putsch, den das Telefonat mit sich brachte, stößt sich verbissen an meiner krassen Müdigkeit, die mir seit Montag in den Knochen steckt. Ich mache mir richtig Sorgen um ihn. Und … Es ist lächerlich! Auslachen wird er mich! Aber es ist mir egal.

Eine weitere halbe Ewigkeit dauert es, bis ich einen Parkplatz finde und werde auch gerade mal stinksauer, als ich hundert Öcken am Eingang vom Club zahlen soll. Diesmal bleibe ich allerdings doch ziemlich hartnäckig. Verlange, den Chef zu sprechen und werde dann gleich so laut und indiskret, dass ich in weiser Voraussicht einen Meter in das Clubinnere geschoben werde und da warten soll. Bewacht von einem Muskelberg à la Micky. Hahaha … Einen Aufstand in der Fußgängerzone, direkt vor den königlichen Türen des Clubs, können sie sich nicht leisten. Dieser Schachzug geht dann wohl an mich. Stolz bin ich nicht drauf. Aber es erfüllt seinen Zweck. Thomas kommt. Ich seufze auf, hätte es mir ja denken können. Ehrlich wahr! Was ist mit Chris?

„Herr Anderson, guten Abend! Vielleicht mal kurz zur Klarstellung: Unsere Angestellten erledigen hier nur ihren Job. In Zukunft wäre uns sehr damit geholfen, wenn Sie bitte einfach das Eintrittsgeld bezahlen, wie jeder andere auch und Sie bekommen es dann später, zu den Sitzungen, wieder ausgezahlt. Damit wollen wir vermeiden, dass ein Kunde mitbekommt, wie hier jemand umsonst reingeht und die Security hier vorne muss sich nicht irgendwelche Gesichter merken. Es wird jeder gleich behandelt.“

„Wissen Sie was, Herr Steine? Ich pfeife auf Ihre Regeln. Es ist mir scheißegal, wie das bisher gehandhabt wird. Ich bin hier, weil ich aus privaten Gründen zu Chris möchte. Es geht hier nicht um irgendwelche Sitzungen. Machen Sie denen da draußen klar, dass ich hier nichts mehr bezahle. Hängen Sie, Grundgütiger noch mal, meinetwegen ein Foto von mir da vorne auf. Obwohl man ja annehmen sollte, dass die sich fünf Gesichter durchaus mal merken könnten. Hat ja damals auch geklappt, als ich Hausverbot hatte. Ich. Zahle. Hier. Nicht! Verstanden? Darf ja sowieso keine Dienstleistung mehr in Anspruch nehmen.“

„Ach …“ Thomas läuft neben mir her. Muss sich ein bisschen beeilen, weil meine Schritte schneller und ausladender werden, hin Richtung VIP-Bereich. „Jeder Angestellte steht Ihnen zur Verfügung. Wie kommen Sie darauf, dass Sie hier nicht mehr bedient werden?“, nimmt er den Faden auf und hat amüsanterweise nicht wirklich viel Zeit, sich über meinen Tonfall und seine gerade von mir eingestampfte Regel zu brüskieren.

Da fehlt jetzt nur noch Ulis berühmter Satz: „Cameron, dein Ton!“ Und das lässt mich schmunzeln. Es ist ja doch überall dasselbe. Sie schütteln über mich den Kopf, weil ich ja immer wieder mal anecke, aber für eine Gefälligkeit bin ich dann doch immer wieder gut genug.

„Chris will’s nicht!“, antworte ich lapidar. Reicht als Erklärung, finde ich jetzt zumindest. Wenn ich Sex haben will, was ich sowieso gerade nicht will, muss ich mir wohl was anderes suchen. Aber es ist schon irgendwo ein bisschen Ehrenkodex, dass ich mich hier im Black Stage in Zukunft nicht mehr bedienen lassen werde.

Der VIP-Bulle hält mich natürlich auf. Dummerweise komme ich ein paar Schritte vor Thomas dort an. Pruuuu… Ich platze gleich. Ich will doch nur zu Chris. Ganz simpel. Arsch, ehrlich wahr!

„Das ist Cameron Anderson, Jorge. Herr Anderson darf hier in Zukunft hoch, wann immer er das möchte!“, beeilt sich Thomas zu sagen.

Ach … sieh mal einer an. Geht doch! Jorge rückt zur Seite, nachdem er mich schamlos gemustert hat und ich merke gerade, wie ich meinen Platz im Black Stage am Einnehmen bin. Einfach mal so und … grandios ungeplant. Aber verscheißern lasse ich mich auch nicht besonders gerne.

„Gehen Sie zu Lounge 1. Chris ist da drin“, weist Thomas mich an und … mir fällt alles aus dem Gesicht. Schon bin ich wieder geerdet und mein bescheuerter Muskel klopft bis zum Hals. „Er ist mit Noah da drin. Keine Sorge, Sie platzen nicht in eine Show rein.“

Woah … „Aber in Noahs Training, oder was?“

Thomas zuckt die Schultern. Scheint ihn nicht wirklich zu interessieren. „Treffen Sie die richtige Entscheidung, Herr Anderson! Chris kommt sehr gut mit Ihnen zurecht. Da ist es völlig egal, ob wir beide uns grün sind oder nicht. Eigentlich ist es derzeit ja noch meine Entscheidung, aber Uli sagte, Sie möchten von Chris das Okay.“

Joar … jetzt wird’s interessant, was? Hab ich nicht eben noch gesagt, dass ich nicht wegen der Sitzungen hier bin? Thomas legt mir die Hand auf den Gipsarm, was ich persönlich schon ein bisschen … arg vertraut finde und wartet, bis ich ihn dann doch noch mal richtig anschaue. Denn meine Augen haften schon auf der Tür dieser Lounge.

„Chris braucht Sie! Ich weiß zwar nicht, was genau das ist, was Sie beide verbindet, denn er redet mit mir nicht darüber, aber … es geht ihm nicht gut. Ich habe eine dumme Vorahnung, dass es mit Ihnen zu tun haben könnte.“ Thomas spricht leise, wählt seine Worte mit Bedacht und ich … schließe mal ganz schnell die Augen. Atme tief durch. Presse meine Kiefer aufeinander und suche meinen Ruhepuls, der sich seit Chris’ Anruf einfach verkrümelt hat.

„Enttäuschen Sie ihn nicht, ja?“

„Hab ich nicht vor!“

Doch zögere ich eine Sekunde. Anklopfen oder reingehen? Ich erinnere mich, dass Chris eine Allergie gegen Nichtanklopfen hat. Tocke dann doch dreimal kurz an und drücke die Klinke nach unten. Ein bisschen übel ist mir. Na ja … ein bisschen mehr als ein bisschen, wenn ich mal ehrlich bin. Kaum hab ich die Tür auf, als Chris’ Kopf zu mir rumruckt und er losschnauzen will. In letzter Sekunde kann er sich beherrschen, als er mich im Rahmen der Tür stehen sieht. Die Härte seiner Mimik fällt von ihm ab. Augenblicklich sogar! Seine Lippen öffnen sich leicht und … keine Sekunde später drückt er sie auf meine drauf. Schiebt seine Hände an meinen Hals und drückt sich der Länge nach an mich. Funken sprühen! Die Luft lädt sich auf. Es knistert zwischen uns und … ich glaub, er hat mal kurz vergessen, wo wir uns überhaupt befinden. Es ist egal. Aber so was von! Ich umarme ihn, fest, besitzergreifend, und verstärke somit den Druck seines Körpers an meinem. Uhm … Chris ist unglaublich lecker. Wir nehmen uns Zeit und Raum, bis wir beide das Gefühl haben, uns lösen zu können, ohne gleich wieder wie Magneten aneinanderzukleben.

„Hey!“, begrüßt er mich atemlos. Meinen Nacken immer noch in seiner Gewalt. Seine Stirn an meiner. Thomas hat Recht. Chris geht’s nicht gut. Ich glaube aber, dass ich nicht unbedingt besser aussehe. Sein schwerer Atem zeigt sich auf seinem Brustkorb. Ich spüre jedes Heben, jedes Senken und irgendwie teilen wir uns die Mangelware Sauerstoff zwischen unseren Mündern.

„Hey, Wolf“, nuschle ich und streichle über seine Seiten nach oben, unter seinem enganliegenden Shirt entlang, nur um ihn noch ein bisschen mehr aus der Fassung zu bringen. „Was ist los mit dir, hm? Mache mir Sorgen um dich!“

„Alles bestens!“

Wir wissen beide, dass das eine schamlose Lüge ist, um seine Scheinwelt aufrechtzuerhalten. Aber … das klären wir ein anderes Mal. Katerchen schleicht sich an. Räuspert sich und klingt ein bisschen amüsiert, als er neben uns zum Stehen kommt. „Darf ich ’ne Pause machen, Chris?“

Rrrrr … schamlos nackt, der kleine Verführer, dem sein Amüsement im Gesicht auch irgendwie anzusehen ist.

„Nein. Wir sind noch nicht fertig. Fang noch mal an. Eine Privatvorstellung für Cameron und mich. Ausdauer, Noah. Wenn du das in Zukunft schaffen willst, musst du weiter an dir arbeiten.“

Chris zieht mich auf die Couch und Noah stöhnt auf. Mehr aus Unwillen heraus, denn aus Geilheit. Ich kann ihn verstehen!

„Wir müssen reden, Chris. Gönn deinem Kleinen eine Pause!“ Mit diesen Worten stehe ich wieder auf, greife nach dem Morgenmantel, der bereitliegt und schiebe ihn Noah über die Schultern. „Lass uns bitte alleine.“

Unsicher blickt der Kleine zu Chris. Geht erst, als dieser leicht nickt. Hat ja alles seine Ordnung hier. Hab’s nicht anders erwartet.

„Wie geht es dir?“, fange ich an und setze mich leicht schräg, um meinen Wolf besser anschauen zu können. So schräg auf jeden Fall, dass ich mal ganz dezent mit meinem Knie an ihm andocken kann. Weniger dezent schiebe ich meine Hand auf seinen Schenkel und beginne, ihn auch genau dort zu streicheln.

„Was ist das für eine Frage, hm? Immer so weiter.“

Immer so weiter! Immer weiter und weiter! Bis der erste von uns daran zerbricht. Untergeht, weil er dem Orkan seiner Gefühle nicht mehr standhalten kann. Dachte ich wirklich, es wird besser, wenn uns nichts mehr verbindet? Herzukommen war eine dumme Idee. Hätte, verdammt noch mal, einfach noch mehr Zeit ins Land ziehen lassen sollen. Aber dann … wär’s vielleicht auch zu spät. Für wenigstens einen von uns!

„Du ziehst es also durch?“

„Am Sonntag werden die neuen Termine rausgegeben, ja!“ Wirklich überzeugt klingt er allerdings nicht und die Schatten um seine Augen erzählen auch eine andere Geschichte. „Kommst du am Samstag zum Treffen?“ Chris wechselt das Thema, sieht mich dabei fragend an.

„Möchtest du das denn?“

„Ja. Ich hätte dich gerne dabei. Ich brauche eine Vertrauensperson, wenn Thomas wegfällt. Ein weiteres fremdes Gesicht will ich in der Runde nicht haben. Und es geht mir sicher nicht darum, ob die Herren der Runde schwul sind oder nicht.“

Grundgütiger … darum geht es ihm also? Und ausgerechnet ich soll jetzt Vertrauensperson für ihn sein? Ich will eine verdammte Beziehung mit ihm und kein Depp sein, den er nur bei Problemen aufsucht. Wobei mir schon klar ist, dass die Reihenfolge auch eine Rolle spielt. Ich bin herzlich gerne Vertrauensperson, wenn eine Partnerschaft vorne angestellt wird. Aber bin es nicht gerne, wenn das alles ist, was ich von Chris in Zukunft zu erwarten hab.

„Ich komme!“, höre ich mich da aber schon sagen und verfluche mich selbst. „Um wie viel Uhr?“

Chris’ Mundwinkel zuckt verräterisch. Er beugt sich zu mir und zieht seine Zunge von einem Mundwinkel, über meine Unterlippe bis hin zum anderen. „Um acht geht’s los“, flüstert er und streichelt mit den Daumen meine Wangen entlang, liebkost meine Lippen mit seinen. Seine Augen sind es, die mich wieder einmal in den Bann ziehen und jegliche Widerworte in Schall und Rauch aufgehen lassen. „Und denke an dein Versprechen, Panther. Du hast gesagt, du wartest auf mich!“

Blindes Vertrauen spiegelt sich in seinen Augen wider. Ein Gottvertrauen, dass er auf mich zählen kann. Dass ich in meinem Haus sitze und nichts Besseres zu tun hab, als auf ihn zu warten. Dennoch bestätige ich: „Hab ich gesagt, ja. Aber solange wir nicht zusammen sind, gibt’s keinerlei Verpflichtungen.“ Wollt’s nur mal klarstellen. Und genauso fad, wie meine eigenen Worte bei mir einen Beigeschmack auslösen, verzieht Chris das Gesicht und … steht galant auf.

„Gut zu wissen. Dann bis Samstag!“

Ist der jetzt echt sauer? Ich fasse es nicht. Ey … Chris … so war’s doch gar nicht gemeint! Aber eigentlich … doch! Schon irgendwie! Mein Versprechen kann ja nicht ewig vorhalten. Meine Rede von vor zwei Tagen reicht gerade. Drei Jahre sind ja schon ein großer Zeitraum, innerhalb derer er zurückkommen könnte. Hab ich mir also selbst zu verschulden. Hätte das Zeitfenster ein bisschen enger schnüren sollen. Jetzt ist es zu spät! Chris geht! Schließt die Tür hinter sich und ich sitze alleine in der Lounge. Bin mir nicht wirklich sicher, wie’s mit uns überhaupt jemals weitergehen soll.

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Bericht Re: Duits | Eigentlich ... door Redactie » woensdag 19 augustus 2015 14:51

28.


Samstag dann! Zufällig komme ich mit Uli gemeinsam am Black Stage an, wenn auch aus verschiedenen Richtungen. Hab mir die Akten von ihm gleich am Donnerstag wieder aushändigen lassen und ihm mitgeteilt, dass die jetzt bei mir bleiben werden. Und zwar in meinen vier Wänden! Nicht im Büro der Kanzlei. Unter Verschluss sozusagen, wo auch Uli seine Finger nicht mehr dranlegen kann. Glaub, er hätte gerne noch was dazu gesagt, hat es sich dann aber doch irgendwie auf die Schnelle verkniffen.

Ich kann mir schon vorstellen, dass es schwer für ihn ist. Über fünfzehn Jahre Arbeit einfach zu übergeben. Und das ausgerechnet an mich! Ein bisschen schwerer ist’s wohl aber noch für ihn, dass Chris für ihn nicht mehr lange zur Verfügung stehen wird. Hoffe ich jetzt einfach mal!

Krass, nach so langer Zeit! Aber es gibt ja auch andere männliche Huren, die ihre Dienste anbieten. Soll Uli sich eben ein neues Sahnestück für seine ehebrecherischen Betrügereien suchen. Vielleicht sollte er aber auch einfach mal ein bisschen in sich gehen und sich fragen, ob die beiden fast erwachsenen Kinder eine Trennung zwischen Mama und Papa nicht doch verkraften würden. Man sollte es eigentlich meinen.

Seit Mittwoch hab ich zweimal mit Chris telefoniert. An Schlaf war allerdings immer noch nicht viel zu denken. Irgendwann sacke ich nachts einfach weg, um ein paar Stunden später wie gerädert aufzuwachen und erneut schlaflos zu sein.

Chris fehlt mir mit jedem Tag, der vergeht, immer mehr. Es ist Hölle! Diese unsagbare Leere in mir dehnt sich immer weiter aus. Ich funktioniere! Komme mir manchmal vor wie ein Duracell-Hase. Batterie rein! Schalter umlegen! Los geht’s! Läuft und läuft und läuft … bis der Akku leer ist. Das Leid, das sich stetig durch mich hindurchfrisst, lasse ich mittlerweile nicht mehr ganz so offensichtlich nach außen.

Ich war mit Marie Essen. Am Freitag hat es sich einfach so ergeben. Vermutlich konnte sie meinen Anblick nicht mehr ertragen. Nicht mehr zusehen, wie ich mich täglich durch elf Stunden Arbeit ohne Pause quäle. Von Kippen und Kaffee lebe und mich doch nicht lebendig fühle.

Allerdings war es meine Idee. Ich hab sie eingeladen, weil sie sich solche Sorgen um mich gemacht hat. Den Tisch hat sie daraufhin in den Mansarden reserviert und … es war ein echt schöner Abend. Wir sind dann tatsächlich noch über den Weihnachtsmarkt geschlendert und Marie hat’s geschafft, mich zum Lachen zu bringen. Mich von meinen Gedanken abzulenken, bis ich meine Grübelei weit nach hinten geschoben hab.

Peinlich ist es nur dann geworden, als wir vom Mitarbeiter des Glühweinstandes aufgefordert wurden, uns doch endlich zu küssen.

What the fuck?

„Sie stehen unter einem Mistelzweig!“, wurden wir mit einem breiten Grinsen wenig dezent darauf hingewiesen und Marie bekam einen keuschen Kuss von mir auf die Wange.

„Verdammte Fallen hier überall“, hab ich ihr dann ins Ohr gebrummelt und sie hat schallend losgelacht.

„Aber der ist doch eigentlich ganz süß, oder? Wäre der nichts für dich?“

Uhm … Hab Mister Mistelzweig dann mal genauer unter die Lupe genommen. Einen zweiten, etwas längeren Blick riskiert. Was soll ich sagen? Der Typ war durch und durch Homo, aber weder süß noch was für mich. Frag mich nur, woher Marie wusste, wie der Glühweinverkäufer so tickt. Ich selbst bin wohl im Moment ein bisschen vorbelastet. Da gibt es halt einen anderen …

Nein, Schluss jetzt, Cam!

Ich hab nur mit den Schultern gezuckt. „Weiß nicht, Marie.“ Avancen hab ich ihm natürlich keine gemacht. Vielmehr daran gedacht, dass ich mit meinem Wolf an genau diesem Stand auch mal einen Glühwein trinken könnte. Mich vielleicht sogar soweit vorwagen würde, ihm einen verdammt zuckrigen Kuss unter diesem beschissenen Zweig zu geben. Furchtbar eigentlich, diese kitschige Romantikkiste. Mein Sinn für Romantik ist wohl ein bisschen eigen. Brauche keine Kerzchen, Herzchen, Blümchen oder … na ja … in diesem Fall Mistelzweige dafür. Chris, einen Platz nur für uns, zwei Bier, ein Päckchen Kippen und Kondome mit Gleitgel sind ausreichend, um meine Fantasie anzureichern und aufblühen zu lassen.

„N’Abend, Uli!“, begrüße ich meinen Partner und gehe mit einem höflichen aber stummen Kopfnicken in Richtung der Angestellten an der Kasse und der Security vorbei. Hab ja im Leben nicht damit gerechnet, dass ich damit durchkommen werde. Meine Aufmüpfigkeit hat wohl Früchte getragen. Ein Auflachen unterdrückend, presse ich schnell meine Lippen zusammen, denn Uli flucht hinter mir leise vor sich hin.

Regeln sind dazu da, um gebrochen zu werden, Uli! Da musst du noch ein bisschen was lernen!

Ich bin ja gerne mal ein wenig respektlos. Dass Uli zur Kasse gebeten wird, bedeutet ja eigentlich nur, dass seine Zeit hier mit Riesenschritten dem Ende zugeht. Mein Partner steht wohl nicht auf der Liste jener Köpfe, die ab heute ohne Eintritt einfach mal so durchspazieren können.

Sogar Jorge, der VIP-Bulle, macht Platz, als ich den Treppenaufgang zum ersten Stockwerk anpeile. Mit erhobenem Kopf und leicht arrogantem Blick natürlich, der bei Jorge wohl doch recht provozierend ankommen muss, denn ich glaub, er hat leise geknurrt. Oben lasse ich die Augen schweifen und bleibe an Noah und Kira hängen, die sich in einer Sitzecke ziemlich angeregt unterhalten. Kira spürt meinen Blick und schaut zu mir rüber. Winkt und ich setze mich in Bewegung.

„Cameron. Wir müssen in die hinteren Räume!“, ruft Uli mir nach, aber ich denke gar nicht daran.

„Kira, Noah!“, begrüße ich die beiden und begebe mich auf Augenhöhe. Direkt rein in den gemütlichen Sessel gleich neben den Kater. Noah riecht verdammt gut. Kann mir schon vorstellen, dass er den Männern in der Lounge mittlerweile gehörig den Kopf verdreht.

„Kennst du mich noch?“, frage ich an Kira gewandt und das Häschen strahlt mich an, wie es gestern schon Marie über Stunden hinweg getan hat.

„Wer kennt dich nicht!“ Sie zwinkert mir zu. „Jeder hier hat von Chris eingeimpft bekommen, wer du bist und wie wir uns dir gegenüber zu verhalten haben. Dein Foto hängt an der Kasse, an der Bar hier oben und im Mitarbeiteraufenthaltsraum. Dein Gesicht können wir also nicht mehr vergessen.“

Ach … Jetzt wird’s interessant. Wusste nicht mal, dass Chris ein Foto von mir besitzt. Ich hab keins von ihm. Was ja schon schade ist, aber eigentlich … brauche ich auch keins. Muss nur die Augen schließen, dann ist er präsent.

„Und weiter?“, hake ich nach und schaue Noah dabei an, der immer weiter Richtung seiner Kollegin zu rücken scheint.

Beiß dich schon nicht, Kleiner. Und anfassen oder sexuell belästigen werde ich dich mit Sicherheit auch nicht.

„Und weiter?“ Kira reißt die Augen ungläubig auf. „Natürlich haben wir dich diskret und respektvoll zu behandeln. Wie das auch sein sollte, wenn der Chef dich als seinen Partner ausgibt. Ich freue mich für Chris. Und für dich auch! Noah hat euch diese Woche in der Lounge ja schon zusammen gesehen. Ich konnte kaum glauben, was er mir erzählt hat! Und ich bin ja auch ein bisschen stolz darauf, bei eurem ersten Aufeinandertreffen dabei gewesen zu sein. Beziehungsweise bin ich ja quasi für euer Aufeinandertreffen verantwortlich gewesen. Chris hat mich daran erinnert.“

Meine Güte, Kira strahlt wie ein ganzes Atomkraftwerk und schnappt nach ihrem Monolog erst mal nach Luft. Das hat ein bisschen was von Marie … Was hab ich nur an mir?

„Weißt du noch, damals, vor drei Jahren, in meiner Lounge?“, fragt sie dann mit einem zuckersüßen Grinsen im Gesicht und ich lächle ihr nur zu. Klar weiß ich das noch! Das war der Tag, an dem mein persönlicher Albtraum begann. Ein Albtraum, der mir den Weg gewiesen hat. Meinen Weg!

Dennoch fehlen mir die Worte. Nicht nur, dass Katerchen Noah sich zum Plappermaul entwickelt. Nein, ich finde, Chris schießt ein wenig zu weit raus, übers Ziel. Wir sind getrennt, immer noch! Und hab ich am Mittwoch nicht noch gesagt, dass es keinerlei Verpflichtungen zwischen uns gibt? Was ja im Grunde genommen der totale Blödsinn ist, aber seine Reaktion war schon interessant. Und die Nachwirkungen der Reaktion erst … die scheinen Früchte zu tragen. Immerhin gibt er mich vor seinen Angestellten als Partner aus.

Wow … Chris … halt dich ruhig fest an mir. Hab da gar nichts dagegen. Auch, wenn man es schon klammern nennen könnte. Ich versuche dir ja seit jeher begreiflich zu machen, dass wir zusammengehören.

Und heute Abend merke ich fast schon körperlich, wie da ein Zahnrädchen beginnt, ins andere zu greifen. Wo wir die letzten Wochen eher aneinander vorbeigelaufen sind, statt eine Einheit zu bilden.

„Wie alt bist du eigentlich, Kira?“

„Wieso?“

„Das ist ein Tick von ihm!“, antwortet Noah lachend und kriegt dafür einen kleinen Seitenhieb von mir, während Kira immer noch strahlt.

„So alt wie Chris. Dreiunddreißig jetzt. Meine Tochter ist vier und ich bin seit sieben Jahren verheiratet.“

Wow … Krass … Und noch mal wow. Aber die nächste Gefühlswelle, die in mir aufsteigt, ist tiefgreifendes Mitleid für den Mann von Kira.

„Wie erträgt er das?“

„Was meinst du? Wer erträgt was?“

„Dein Mann, Kira. Das hier! Ist er überhaupt nicht eifersüchtig?“

„Ein bisschen. Es ist stimmungsabhängig“, gibt sie da etwas leiser zu. „Aber das Thema hat sich für mich bald erledigt. Mein Kampf ist dann zu Ende.“

„Was für ein Kampf?“

„Meinen Job zu Hause zu rechtfertigen. Ich mache das hier gerne, Cameron. Aber vermutlich auch nur deshalb, weil ich seit Jahren die Lounge mein Eigen nennen kann. Wenn ich unten arbeiten müsste, hätte ich wohl aufgehört, als ich meinen Mann kennenlernte.“

„Und jetzt? Wieso willst du jetzt aufhören?“

„Na ja …“ Kira macht eine Kunstpause und mustert mich ein weiteres Mal. „Chris hat mir das ans Herz gelegt. Er ist noch am Wählen, wer von den Mädels meine Nachfolgerin wird.“

„Er schmeißt dich raus?“ Jetzt bin ich überrascht. Er hat zwar selten von Kira geredet, aber ich weiß, dass sie für den Club hier oben viel wert ist.

„Er legt es mir nahe, ja. Es liegt nicht an meiner Leistung. Ich glaube, es hat mit dir zu tun.“

„Mit mir?“ Jetzt bin ich noch mehr überrascht. Und bei Gott, ich stelle heute grandios dämliche Fragen. Aber mein innerer Aufruhr ist jetzt schon perfekt. Glaub, man kann’s mir also nachsehen.

„Ja. Mit dir! Es hat damit zu tun, dass Chris das erste Mal, seit ich ihn kenne, wirklich jemanden an sich ranlässt. Auch, wenn er gesagt hat, ihr seid nicht wirklich zusammen, sondern führt eine lockere Partnerschaft. Ich würde sogar behaupten, er ist ein klein wenig verliebt“, piepst Kira den letzten Satz und verliert ihre Stimme.

Verliebt? Das Wort dringt in mich wie Honig. Auch, wenn ich es immer schon geahnt hab. Besser gesagt, mir seit Tagen gerne einrede. Es verbal bestätigt zu bekommen, ist in diesen Zeiten der Krise unglaublich schön zu hören.

„Wer ist verliebt?“

Gooott, Chris. Ein Schauer rieselt meinen Rücken hinunter. Chris schlingt einen Arm um meine Brust, von Schulter zu Schulter, und quetscht sich noch hinter mir aufs Sofa. Eben wird’s eng. Mit den Lippen gleitet er über meinen Nacken, zieht eine ziemlich anregende, feuchte Spur und sein Atem dringt kurz darauf direkt in mein Ohr. Ich zerfließe wie ein geschmolzenes Eis.

„Hey, Raubtier“, haucht er hinter mir und greift mit einer Hand nach meiner, verschlingt unsere Finger und legt sie auf meinem Oberschenkel ab. „Alles wartet auf dich! Brauchst du eine extra Einladung?“

„Hahaha … ich glaub, dein Escort Service ist da vollkommen ausreichend! Hey, Raubtier!“ Ich benutze die gleiche Begrüßung wie er und lehne mich an ihn und … meine leichte Verkrampfung löst sich dabei ganz entspannt auf. Ich genieße und … genieße ihn einfach.

Uhm … ich vermisse dich so sehr.

„Escort Service, hm?“, meint Chris spöttisch und bohrt noch ein wenig weiter. „Also, wer ist hier verliebt?“

Arsch. Ehrlich wahr!

Noah und Kira lachen gleichzeitig los. „Ihr seid süß!“ Und während Kira weiterkichert, zieht sie Noah mit sich nach oben. „Komm, Noah. Wir haben zu arbeiten. Lassen wir Chris und Cameron Zeit für sich.“

Zwei Stunden später vernehme ich nur noch Rauschen. Es dröhnt in meinen Ohren und ich bin mir nicht mehr so sicher, warum ich zu diesem ganzen Hokuspokus überhaupt ja gesagt hab. Während Uli sich entspannt zurücklehnte, hab ich mit offenem Mund da gesessen und bin Thomas’ Ausführungen, der ein Problem um das nächste auf den Tisch gelegt hat, mit wachsendem Unglauben gefolgt.

„Dein Job, Cameron! Jetzt kannst du dich beweisen.“ Uli hat ein bisschen schadenfroh geklungen und auch der Arzt, der anwesend war, hat die Backen geplustert.

Das Gesundheitsamt hat sich angekündigt. Hat Hinweise bekommen, dass hier etliche Krankheiten kursieren und weitergetragen werden und zusätzlich die Nassräume nicht dem Hygiene-Standard entsprechen. Sauber ist es dort! Finde ich jetzt zumindest. Hab mich noch nie unwohl gefühlt. Mit Standard allerdings, kenne ich mich nicht aus. Und mit einhergehenden Gesetzen in diesem Fall auch nicht. Gut, muss ich dann mal Hausaufgaben machen. Und zwar bevor das Amt hier im Black Stage die Tür in zwei Wochen eintritt. Die Angestellten werden zudem alle einem nächsten Gesundheitscheck unterzogen. Einschließlich Chris! Man … das ist krass! Die Anzeige scheint auf den ersten Blick doch schon Hand und Fuß aufzuweisen.

„Meld mich“, murmle ich weniger laut in die Runde und mein Blick bleibt an Chris hängen, der keine Miene verzieht. So kurz vor der Übernahme ist das natürlich äußerst unschön und nicht unbedingt ein Sahnehäubchen nach seinem Geschmack. Aber wieso schaut er mich so penetrant an? Ob er mehr von mir wissen will? Jetzt? Aus dem Stegreif heraus? Bin nicht so der Typ dafür, der ungeprüft Dinge in den Raum schmeißt, nur um sich zu profilieren.

„Muss mich schlau machen“, schiebe ich daher vorsichtshalber hinterher und wende mich an den Arzt, der heute gar nicht so stockschwul wirkt, wie das in seinem neckischen Kittel in der Praxis immer der Fall ist. Vielleicht … wollte ich es auch einfach so sehen. Übertreibe ja gerne mal ein bisschen. Irgendwie! „Sobald die Gesundheitschecks fertig sind und dir vorliegen, gibst du sie mir bitte rein, Andreas!“

Dieser nickt und reicht mir das Schreiben vom Amt, das er noch mal überflogen hat. Es gehört zu meinen Akten. Ab heute! Da hab ich ja zur richtigen Zeit mit Uli den Platz getauscht. Und das kurz vor Weihnachten. Herzlichen Dank auch!

„Wenn es nichts anderes mehr zu besprechen gibt, können wir ja jetzt zum gemütlichen Teil übergehen!“

Boah … kann Uli froh sein, dass er weit genug weg sitzt und auch der Banker, der ihm da widerlichst freudig zustimmt. Es wird wohl mal richtig fies Zeit, dass der Banker ebenfalls ausgewechselt wird. Diesen Satz will ich nie wieder hören, so viel steht fest. Eine klirrende Kälte, gepaart mit mächtig viel Wut, vermischt sich in mir und Chris’ Blick fliegt mir erneut zu. Er taxiert mich und ich bemühe mich betont gleichgültig in eine andere Richtung zu sehen.

Die Männer der Runde erheben sich. Alle sprechen durcheinander. Nach dem Amtsdokument schiebe ich noch ein paar Papiere in meinen Ordner und … bin von der Aufbruchsstimmung total geflasht. Unschlüssig vor allem, was jetzt von mir erwartet werden könnte.

Eigentlich hab ich für mich schon am Mittwoch die Entscheidung getroffen. Nein! Falsch! Eigentlich wusste ich es schon, dass ich niemals Lounge-Gruppenkuscheln machen würde, als Uli mir das erste Mal davon erzählt hat. Am Ende schwenke ich meinen Blick dann doch noch mal rüber zu Chris. Ich will ihm irgendwie mitteilen, dass er in Bezug auf mich nichts zu befürchten hat. Bleib aber mit den Augen an seinem Profil haften und eine Gänsehaut, die meinen Rücken runtertreibt, gibt’s gratis dazu. Chris sah noch nie gekränkter aus. Wegen mir? Er hat die Augen zu Schlitzen zusammengekniffen.

What the fuck? Geh schon nicht mit, keine Sorge, Wolf. Ey, Chris … was soll ich da drin? Mir Abturner einfangen, oder was? Mal am Boden meiner Unzulänglichkeit rumkriechen?

Doch er scheint’s nicht zu realisieren und kommt auf mich zu. Nicht sehr geschmeidig, eher hastig und die Kälte, die er mit sich trägt, gräbt sich tief in mich rein.

„Nein, Cameron. Du gehst da nicht mit“, zischt er zwar leise, aber doch recht pikiert.

„Aber, aber, Chris.“ Das ist der Banker. „Das ist doch schon Tradition. Entwickelst du gerade ein Schamgefühl vor den neuen Mitgliedern dieser Runde?“

„Das geht dich nichts an, Alexander“, schnauzt Chris zurück.

„Meine Güte, Christopher. Es ist doch gang und gäbe, dass wir einen Abschluss in der Lounge finden.“ Das ist Uli und meine Halsschlagader schwillt gerade mächtig an. Ich würde mich gerne einklinken in das abstruse Gespräch. Chris beruhigen! Den anderen widersprechen! Ich will’s wirklich gerne tun, denn ich hab ja gar nicht vor … doch da raunzt Chris mich weiter von der Seite her an. Total befremdlich! Arsch, ehrlich wahr! Mach nur so weiter … Vor knappen zwei Stunden, war das irgendwie noch anders. Ich lasse es, mich verteidigen zu wollen. Hat ja doch keinen Sinn. Bevor Chris nicht von diesem Level runterkommt, beiße ich mir lieber die Zunge ab, als irgendwas richtigzustellen. Bin ja auch nicht gerade blöd!

„Warte hier!“, schnauzt Chris mich weiter an und dreht sich weg.

„Was hast du vor, Chris?“ Doch da ist er schon aus dem Raum gegangen. Die Stimmung ist drückend. Ich verwette einen Hunderter darauf, dass dies hier eine Premiere ist. Das es noch nie Streit darüber gab, ob die Lounge nun bezogen wird oder nicht. Und ob alle mitkommen dürfen oder nicht, was mir gerade mal viel wichtiger erscheint. Ich komme mir mehr als fehl am Platz vor. Fühle mich angestarrt, von allen Seiten! Cameron mit dem Sonderstatus? Das kann ich ja grundsätzlich sowieso schon mal nicht leiden. Diese Öffentlichkeitskiste ist mir ja nach wie vor ein absoluter Dorn im Auge. Chris hingegen schillert in allen Farben, sobald ihm Aufmerksamkeit bewusst ist und stellt gerne mal alles öffentlich zur Schau.

Aber in dieser Runde hier nicht. Was mir dann aber auch eben erst so richtig klar wird, als ich mir das Szenario wieder und wieder durch den Kopf gehen lasse. Es ist nicht das, was Chris will! Ganz gleich, ob das Personal und Thomas jetzt wissen, dass er so eine Art Beziehung mit mir am Führen ist. Ich nehme mal an, damit die Angestellten einfach die Finger von mir lassen, aber diese Runde hier sollte wohl nicht eingeweiht werden. Diese Erkenntnis ist vergleichbar mit einem Tauchgang in Eiswasser. Was sich hier eben abspielt, ist einfach grundfalsch.

Bleib cool, mahne ich mich. Fassung bewahren! Rücken gerade. Schultern gerade. Kopf gerade. Shit! Schwer fällt mir das! Grandios schwer! Selbst das eingefrorene Lächeln fällt von mir ab. Ich hätte es festtackern sollen. Ehrlichkeit währt am längsten, was? Ein paar Worte von Chris und das aufkeimende Problem wäre ziemlich rasant vom Tisch. Nur ein paar ehrliche, scheiß einfache Worte.

Wo, zur Hölle noch mal, sind deine Eier, hm?

„Cameron ist mein Freund!“ und das Thema Lounge und Fickrunde wäre damit auf alle Zeit erledigt. Ich frage mich dann doch, was ihm eigentlich wichtiger ist. Ja, über diese verkorkste Sache mit dem Abschied seiner Kunden haben wir schon gesprochen und dass ich ihm die Zeit gewähren soll. Aber es jetzt so real zu erleben, das übersteigt meinen Horizont. Es tut einfach nur … fucking weh!

Shit Happens, oder was? Ich bin ja ein Kerl. Ein gestandener Mann. Halt’s schon aus. Auch, wenn’s in mir drin mächtig reißt. Eigentlich … müsste Chris sich jetzt ganz schön was darauf einbilden können. Hat er es tatsächlich geschafft, mich bis an diesen Punkt zu locken und ohne mit der Wimper zu zucken, mich seine Spielchen nach seinen Regeln mitspielen lassen. Ich glaub, ich kann’s aber nicht mehr so locker sehen, wie er das gerne hätte.

Und da kommt er schon wieder. Seine Mimik ist erstarrt. Diese entspannte Wärme, die er mir vorhin bei Noah und Kira hat zukommen lassen, die gibt es nicht mehr. Alles nur Show? Ein verficktes Spiel? Ich kenne die Spielregeln mittlerweile, bin nicht mehr ganz unbedarft unterwegs. Chris kommt bei mir an und schiebt mir einen Hefter vor die Nase. Einen Blick draufwerfend wird mir … richtig, richtig schlecht.

„Wenn du so scharf auf eine offizielle Nummer mit mir bist, Cameron … hier! Meine verfügbaren Termine für Dezember. Ich habe mich soeben umentschieden. Es sind nur noch Einzelbuchungen möglich! Also, trag dich ein. Du bist der Erste. Fühl dich geehrt!“

Das glaubt er? Das ich scharf darauf bin, hier mit ihm eine Nummer zu schieben? Geht’s noch? Woah … Ich starre auf den kalendarischen Hefter und mir wird heiß und kalt gleichzeitig. Was geht denn mit Chris ab? Verdammte Kacke, ehrlich wahr! Will der mich vorführen? Testen? Hab ich was verpasst? Ich bin doch nicht irre! Spiele da nicht mit. Eben nicht mehr. Alles sträubt sich in mir.

Ich warte auf dich, Chris, auch nach so einer saudämlichen Aktion, die du hier mit mir am Abziehen bist. Aber den Schein werde ich nicht für dich wahren. Kannst viel mit mir machen, aber halt doch nicht alles.

Gerade will ich den Terminplaner schon zuschlagen, als Alexander Mr. Großkotz Banker nach dem Buch greift und mir den Stift aus der Hand nehmen will. „Darf ich dann? Eigentlich war doch angedacht, dass du erst ab Januar sporadische Einzelshows machst, Chris, oder? Aber wenn das so ist, werde ich mich schon mal eintragen.“

Das. Ist. Abartig. Widerlich. Holy fucking shit!

Gemurmel beginnt. Ich höre Uli da raus und irgendwas passiert mit mir. Ich ertrag’s nicht mehr. Level erreicht! Jetzt bleibt nur noch der freie Fall nach unten. Nein, eigentlich ist es ein verdammter Sturzflug ins Nichts. Ein Schalter legt sich in mir um. Ich meine sogar, dass ich den Klick gehört hab.

Ich ziehe das Buchungsheft wieder zu mir und raunze den Banker mehr als unhöflich an. „Sorry. War noch nicht fertig.“ Mein Name folgt handschriftlich. Erster Dezember. Ein Sonntag. Der bleibt frei. Das ist Chris’ freier Tag. Zweiter Dezember. Wird gefüllt und dann mache ich einen Pfeil nach unten. Blockiere beide Termine, die Chris pro Abend für sich angedacht hat. Ich mache es so mit dem dritten Dezember, dem vierten und der fünfte, der darf dann auch noch dran glauben. Das Gemurmel wird lauter. Klingt nach Empörung. Klingt entfernt nach dem Aufraunen, was ich damals im Standesamt hinter mir gelassen hab.

„Cameron, was machst du da?“, fragt mich Chris leicht irritiert und will das Buchungsheft wegziehen.

No-Go! Nicht mit mir! Und … Nein! Eigentlich bin ich gerade auch echt auf Krawall aus. Ich setze mich durch und schicke einen Blick zu Chris, der scheinbar alles aussagt. Er kann es also noch: In meinen Augen lesen.

Langsam, sehr zögerlich, zieht er seine Hand zurück. Die schönen, langen Finger … uhm … die schon so viel Angenehmes mit mir angestellt haben.

„Was wird das?“, flüstert er noch mal und ich merke, wie seine Mimik sich um Nuancen verändert. Von der Versteinerung in eine leichte Unsicherheit wechselt.

Es ist mir echt egal, wenn du heute untergehst und es nicht mehr bis an die Oberfläche schaffst, Chris. Dort, wo du frei Atmen kannst. Dort, wo du dein bescheuertes Ziel sehen kannst, was du beim Untergang nicht mehr erreichen wirst. Sauf endlich ab, damit du danach klarer sehen kannst und Prioritäten setzt. Dann bin ich für dich da. Aber das hier mache ich nicht mehr mit. Diese lächerliche, beinahe schon demütigende und unzumutbare Farce.

„Was das wird? Ich buche deine Zeit, Chris. Wonach sieht’s sonst aus?“, antworte ich monoton und mache einfach weiter. Fülle den sechsten, siebten, neunten und zehnten Tag des Monats aus.

„Das ist Irrsinn“, raunt er da stockend.

„Ja. Das ist es wohl! Bin ja gerne mal ein bisschen irre. Wusstest du das noch nicht? Frag mal Uli. Der kann dir ein paar Anekdoten von mir erzählen. Ich zahle das auch, Chris. Mach dir keine Gedanken um deinen Gehaltsscheck. Aber wenn dich unsere … Gefühle füreinander nicht überzeugen können, weil du dich so vehement gegen eine Beziehung mit mir sperrst, dann mache ich es jetzt auf meine Art. Ob dir das schmeckt oder nicht.“

Und dann wird’s mir auch zu blöd meinen Namen zu schreiben und vor allem auch viel zu laut um mich herum. Die Neuigkeit, die ich da in den Raum geworfen hab, wird scheinbar heiß diskutiert. Kurzerhand drehe ich den Planer längs und schreibe einmal quer drüber: Cameron Anderson! Schlage das Ding dann zu und reiche es Chris. „Kannst du ausrechnen und mir mitteilen, was du von mir bekommst. Das sind jetzt meine Termine. Ich hoffe, dein Ehrenkodex verbietet es dir, diese zu überbuchen, wenn’s meine Liebe für dich schon nicht tut. Erscheinen werde ich nämlich nicht.“

„Du …“ Chris bewegt die Lippen und presst sie dann doch grandios fest aufeinander. Ich glaub, er ist echt sauer auf mich.

So hast du dir deine Abschiedsrunde nicht vorgestellt, nicht wahr?

Ich denke, er sagt nichts mehr. Eigentlich … kann ich dann auch gehen. Flüchten, wäre wohl das bessere Wort. „Schönen Abend noch!“ Ich klopfe auf den Tisch und versuche vergeblich, Haltung zu bewahren. Schnappe meine Tasche und suche ein letztes Mal in Chris’ Augen.

Suche was, das ich schon vor drei Jahren auf der Gasse vorm Black Stage gesucht hab. Zuneigung. Wärme und … vielleicht auch ein bisschen Liebe. Weiß nicht, ob ich es gefunden hab, weil ich nicht sicher bin, ob ich es nicht einfach all die vorangegangenen Tage falsch interpretiert hab. Mit hundert Schlagmännern in mir drin. Einem Puls, der zum Höhepunkt hin, gleich meine Adern platzen lassen wird. Würde ihn so gerne berühren, ihn noch mal spüren. Herausfinden, ob er sich auch so kalt anfühlt, wie mir innerlich zumute ist.

Von Chris kommt allerdings keine Reaktion. Der rührt sich nicht. Blinzelt nicht mal. Presst stattdessen seine Kiefer so fest zusammen, dass seine Wangenknochen zum Nachzeichnen schön hervortreten.

Lieb dich, Chris. Ich verschenke meine Liebe nicht allzu oft. Hätte ich gewusst, dass du es nicht annehmen willst, wäre ich achtsamer damit umgegangen.

Jetzt ist es zu spät. Für mich allemal. Genau das, was ich Mittwoch noch befürchtet hab. Für einen von uns wird es einfach zu spät sein. Wir haben beide Fehler gemacht, aber mich hat’s wohl als erstes umgehauen.

Und irgendwann, ja, irgendwann da gebe ich’s auf. Greife ein letztes Mal nach seinen Fingern, drücke sie, will ihm damit signalisieren, dass sich an meiner Hoffnung ihn betreffend, wegen dieser … Auseinandersetzung … nichts geändert hat und streiche mit den Lippen über seine. Ein mehr als flüchtiger Abschiedskuss. Da hat mich wohl ein Anfall von Mut kalt erwischt. Chris allerdings reagiert immer noch nicht. Zum Glück weicht er nicht auch noch zurück, das hätte mir dann wohl den Rest gegeben.

Ich schlage die Augen nieder und verlasse den Raum. Treppen runter, raus aus dem Club, rein in das Schneegestöber. Am Ende der Gasse beginnt der Weihnachtsmarkt, zieht sich durch einige Seitenstraßen der Altstadt hindurch. Gestern, mit Marie, war’s hier noch schön. Hatte meinen Humor ausgepackt. Meine Leichtigkeit zurückerlangt. Gerade allerdings komme ich mir vor, als bestünde ich aus Blei und der unbeschwerte Freitagabend mit meinem ersten, eigenen, weiblichen Kumpel scheint Lichtjahre entfernt.

Merry Christmas! Happy verschissenes New Year!

Ich werde meinen Eltern absagen. Glaub, ich brauche jetzt mal eine verdammt lange Zeit für Einsamkeit, um mich wiederzufinden.

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